Herzlich willkommen!
Sie schreiben ein Buch oder ein Theaterstück? Sie arbeiten an einem Drehbuch oder an einer Kurzgeschichte? Glückwunsch! Schreiben ist eines der schönsten Dinge der Welt! Aber es ist auch eine der einsamsten und schwierigsten Beschäftigungen, wenn man alleine vor seinem Text sitzt, ohne Hilfe, ohne Unterstützung.Das will Tatort-Schreibtisch ändern!
Von den Profis lernen – das ist die Logline unserer Autoreninitiative. Erfahrene und erfolgreiche Schreib-Profis berichten auf dieser Webseite von ihrer Arbeit und verraten Ihnen Tipps und Tricks, mit denen Sie auf dem Buchmarkt oder im Drehbuchgeschäft erfolgreich sind.
Das Herz unserer Initiative ist das Autorenpaten-Programm. Hier bieten Ihnen über 40 renommierte und professionell schreibende Autorinnen und Autoren an, Sie und Ihr Schreibprojekt mit ihrem Wissen und ihrem Rat zu begleiten.
Mit unserem Autorenpaten-Programm sind wir Partner des innovativen Verlagsprojektes Woobooks. Alle Manukripte, für die bei einem unserer Autorenpaten und -patinnen eine Manuskripteinschätzung gebucht wurde, haben die Chance auf eine Verlagsveröffentlichung.
In unserer Rubrik "Tatort -Schreibtisch: Ausgezeichnet!" präsentieren wir preisgekrönte oder preisnominierte Kurzgeschichten, die den jeweiligen Autoren große Beachtung verschafft haben - zum Nachlesen und zum Mut machen.
Ergänzt wird unsere Seite durch verschiedene Rubriken: zum Beispiel die "Frage der Woche", die "Schreibregel der Woche" oder auch der "Tatort der Woche", in der bekannte Autoren ihren Arbeitsplatz vorstellen.
In der Rubrik Über Tatort-Schreibtisch erklären wir kurz, wie die Webseite funktioniert, in der Rubrik FAQ beantworten wir alle Fragen zu unserem Autorenpaten-Programm.
Viel Spaß beim Lesen!
Ihr
Markus Stromiedel

Markus Stromiedel ist Autor und Drehbuchautor und Initiator von "Tatort-Schreibtisch"
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Profiautoren als Ratgeber
Es gibt folgende Autorenpaten-Programme:
Was Sie schon immer fragen wollten
Ihr Autorenpate oder Ihre Autorenpatin telefoniert mit Ihnen und gibt Ihnen Antworten auf Ihre Fragen zu Verlagen, zur Buchbranche, zur Kino- und Fernsehlandschaft oder der Theaterwelt.
Einschätzung Ihres Textes / Buches / Drehbuches
Ihr Autorenpate oder Ihre Autorenpatin liest und analysiert Ihr Manuskript und schreibt für Sie auf, was gelungen ist und wo Ihr Text noch Arbeit braucht. Da Ihr Autorenpate fachlich erfahren und nur Ihnen verpflichtet ist, werden Sie eine sowohl genaue als auch offene Einschätzung bekommen. Auf Wunsch können Sie danach mit Ihrem Autorenpaten über Ihr Manuskript sprechen und sich Rat einholen, wie Sie Ihren Text verbessern können.
Beratung bei Ihrer Verlags- oder Agenturbewerbung
Ihr Autorenpate oder Ihre Autorenpatin liest Ihr Exposé und sichtet Ihre Bewerbungsunterlagen und gibt Ihnen anschließend schriftlich eine genaue Rückmeldung, an welchen Punkten Sie noch arbeiten müssen, damit ihre Bewerbung bei einem Verlag oder einer Agentur Erfolgschancen hat. Auf Wunsch können Sie anschließend mit Ihrem Autorenpaten über Ihr Exposé und die Bewerbung sprechen und Antworten auf Ihre Fragen bekommen.
Individuelles Patenprogramm
Bei einigen der Autorenpaten haben Sie die Möglichkeit, ein individuelles Coaching zu buchen. Hier geht der Autorenpate tiefergehend auf Sie und Ihre Probleme beim Schreiben ein und versucht, Ihnen Wege und Tricks aufzuzeigen, sich und Ihren Stil noch weiter zu verbessern. Auf Wunsch begleitet Ihr Autorenpate Sie während Ihrer Bucharbeit.
FAQ - Häufig gestellte Fragen zum Autorenpaten-Programm
Das Programm und die Preise im Detail
Das sind die Autorenpaten
Manuskript für das Autorenpatenprogramm einreichen
Hilfe durch das Autorenpaten-Programm
Im Autorenpaten-Programm von Tatort-Schreibtisch haben Sie die Möglichkeit, sich für Ihr aktuelles Schreibprojekt eine professionelle Autorin oder einen erfolgreichen Autor als Ratgeber an Ihre Seite zu holen. Das Angebot reicht vom Info-Gespräch über die fachliche Einschätzung Ihres Manuskriptes bis zur Beratung bei Ihrer Verlags- oder Agentur-Bewerbung. Alle Autorenpaten sind erfahrene Schreib-Profis, die ihre Texte erfolgreich in Verlagen veröffentlichen, häufig preisgekrönt sind und z.T. auch als Dozenten lehren. Tatort-Schreibtisch ist Partner von Woobooks.Es gibt folgende Autorenpaten-Programme:
Was Sie schon immer fragen wollten
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Einschätzung Ihres Textes / Buches / Drehbuches
Ihr Autorenpate oder Ihre Autorenpatin liest und analysiert Ihr Manuskript und schreibt für Sie auf, was gelungen ist und wo Ihr Text noch Arbeit braucht. Da Ihr Autorenpate fachlich erfahren und nur Ihnen verpflichtet ist, werden Sie eine sowohl genaue als auch offene Einschätzung bekommen. Auf Wunsch können Sie danach mit Ihrem Autorenpaten über Ihr Manuskript sprechen und sich Rat einholen, wie Sie Ihren Text verbessern können.
Beratung bei Ihrer Verlags- oder Agenturbewerbung
Ihr Autorenpate oder Ihre Autorenpatin liest Ihr Exposé und sichtet Ihre Bewerbungsunterlagen und gibt Ihnen anschließend schriftlich eine genaue Rückmeldung, an welchen Punkten Sie noch arbeiten müssen, damit ihre Bewerbung bei einem Verlag oder einer Agentur Erfolgschancen hat. Auf Wunsch können Sie anschließend mit Ihrem Autorenpaten über Ihr Exposé und die Bewerbung sprechen und Antworten auf Ihre Fragen bekommen.
Individuelles Patenprogramm
Bei einigen der Autorenpaten haben Sie die Möglichkeit, ein individuelles Coaching zu buchen. Hier geht der Autorenpate tiefergehend auf Sie und Ihre Probleme beim Schreiben ein und versucht, Ihnen Wege und Tricks aufzuzeigen, sich und Ihren Stil noch weiter zu verbessern. Auf Wunsch begleitet Ihr Autorenpate Sie während Ihrer Bucharbeit.
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Autorenpate der Woche
"Kunst können andere – Roger Schmelzer kann unterhalten" formulierte treffend die Süddeutsche Zeitung...
Roger Schmelzer
Autorenpate für Prosa, Drama und Drehbuch"Kunst können andere – Roger Schmelzer kann unterhalten" formulierte treffend die Süddeutsche Zeitung...
Der in Köln lebende Ostwestfale arbeitete fürs TV
und die Bühne, schrieb für Sketchshows, Sitcoms und Dramaserien,
verfasste Texte fürs Kabarett und Theater. Seinem Roman "Die besten zehn
Sekunden meines Lebens" bescheinigte die Kölner Rundschau den "Humor
von Woody Allen, Nick Hornby und Tom Sharpe". Er erhielt die Silberne
Rose von Montreux, war für den Deutschen Drehbuchpreis nominiert und
gewann beim Kölner Comedyfestival den Publikumspreis für die beste nicht
verfilmte Sitcom-Pilotfolge. Seit 2013 ist er außerdem Gastdozent für
Drehbuchanalyse an der First Take Schauspielakademie in Köln.
Roger Schmelzer ist einer der Paten im Autorenpaten-Programm von Tatort-Schreibtisch.
Bibliographie (Auswahl):
Prosa
Die besten zehn Sekunden meines Lebens, Kiepenheuer & Witsch.
Böse-Bücher-Reihe, Lappan-Verlag (acht Bände, gemeinsam mit P. Gitzinger und L. Höke)
Drehbuch
Kino:
Drehbuch "Macho Man" (mit M. Netenjakob)
Fernsehen:
Switch, Pro7
Das Amt, RTL,
Zwei Engel auf Streife, SAT1
Die Dreisten Drei (als Chefautor), SAT1
Anke – Die Sitcom, SAT1
Kinder Kinder, RTL
Theater
Dumm gelaufen, UA Ebertbadtheater Oberhausen
Kabarettistisches für "Die Distel" und "Die Stachelschweine".
Auszeichnungen
Silberne Rose von Montreux
Deutscher Drehbuchpreis (Nominierung)
Kölner Comedyfestival (Publikumspreis)
zum Autorenpaten-Programm
Roger Schmelzer ist einer der Paten im Autorenpaten-Programm von Tatort-Schreibtisch.
Bibliographie (Auswahl):
Prosa
Die besten zehn Sekunden meines Lebens, Kiepenheuer & Witsch.
Böse-Bücher-Reihe, Lappan-Verlag (acht Bände, gemeinsam mit P. Gitzinger und L. Höke)
Drehbuch
Kino:
Drehbuch "Macho Man" (mit M. Netenjakob)
Fernsehen:
Switch, Pro7
Das Amt, RTL,
Zwei Engel auf Streife, SAT1
Die Dreisten Drei (als Chefautor), SAT1
Anke – Die Sitcom, SAT1
Kinder Kinder, RTL
Theater
Dumm gelaufen, UA Ebertbadtheater Oberhausen
Kabarettistisches für "Die Distel" und "Die Stachelschweine".
Auszeichnungen
Silberne Rose von Montreux
Deutscher Drehbuchpreis (Nominierung)
Kölner Comedyfestival (Publikumspreis)
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Tatort der Woche
Seit 18 Jahren schreibe ich im Büro – in einem Raum, der sich nicht in meiner Wohnung befindet. Ich liebe es! Auf dem Bild seht ihr meinen mittlerweile achten Tatort...
Anstelle mir nach dem Studium mit dem ersten verdienten Geld eine größere Wohnung zu gönnen, blieb ich in meinem Appartement und mietete meinen ersten Raum in einer Bürogemeinschaft auf der Neusser Straße im Kölner Agnesviertel.
Das Stichwort Bürogemeinschaft ist das wichtigste Argument, warum ich nicht zuhause arbeite. Ich brauche einen Raum für mich und die Ruhe zum Schreiben. Aber ich brauche auch andere Menschen in meiner Nähe, die andere Sachen machen, über andere Dinge reden, mich inspirieren und manchmal auch erden. Viele Projekte, die ich heute mache, wären ohne meine Bürogemeinschaften nie entstanden.
Das andere ist die räumliche Trennung von Arbeit und Privatem. Natürlich lassen mich meine Geschichten nicht in Ruhe, wenn ich die Bürotür hinter mir schließe. Deswegen ist das Notizbuch unten auf dem Bild mein wichtigster Begleiter. Aber der Weg zur Arbeit – und vielleicht mehr noch der Weg von der Arbeit nach Hause – gehört zu meinem Schreibritual dazu.
Hinzu kommt die Konzentration, die ein Büro ermöglicht. Zuhause warten tausend Dinge auf mich. Hier in meinem Büro nicht. Hier bin ich, um zu schreiben.
Allerdings ist ein Büro, das man sich selber einrichtet, auch etwas anderes als ein Büro, das ein Arbeitgeber einem hinstellt. In meinem Büro steht seit Jahren ein Sofa. Liegen ist eine ebenso inspirierende Tätigkeit wie Reden mit anderen. In den Schränken verstecken sich nicht nur Akten und Büromaterial, sondern auch eine Menge Bücher und Krempel, der wichtig ist.
Es ist ein persönlicher Raum für mich – mein Büro.
Stefan Keller ist Autor, Drehbuchautor und Autorencoach und einer der Tatort-Schreibtisch-Autorenpaten.
Mehr Informationen über Stefan Keller
Auswärtsspiel
von Stefan KellerSeit 18 Jahren schreibe ich im Büro – in einem Raum, der sich nicht in meiner Wohnung befindet. Ich liebe es! Auf dem Bild seht ihr meinen mittlerweile achten Tatort...
Anstelle mir nach dem Studium mit dem ersten verdienten Geld eine größere Wohnung zu gönnen, blieb ich in meinem Appartement und mietete meinen ersten Raum in einer Bürogemeinschaft auf der Neusser Straße im Kölner Agnesviertel.
Das Stichwort Bürogemeinschaft ist das wichtigste Argument, warum ich nicht zuhause arbeite. Ich brauche einen Raum für mich und die Ruhe zum Schreiben. Aber ich brauche auch andere Menschen in meiner Nähe, die andere Sachen machen, über andere Dinge reden, mich inspirieren und manchmal auch erden. Viele Projekte, die ich heute mache, wären ohne meine Bürogemeinschaften nie entstanden.
Das andere ist die räumliche Trennung von Arbeit und Privatem. Natürlich lassen mich meine Geschichten nicht in Ruhe, wenn ich die Bürotür hinter mir schließe. Deswegen ist das Notizbuch unten auf dem Bild mein wichtigster Begleiter. Aber der Weg zur Arbeit – und vielleicht mehr noch der Weg von der Arbeit nach Hause – gehört zu meinem Schreibritual dazu.
Hinzu kommt die Konzentration, die ein Büro ermöglicht. Zuhause warten tausend Dinge auf mich. Hier in meinem Büro nicht. Hier bin ich, um zu schreiben.
Allerdings ist ein Büro, das man sich selber einrichtet, auch etwas anderes als ein Büro, das ein Arbeitgeber einem hinstellt. In meinem Büro steht seit Jahren ein Sofa. Liegen ist eine ebenso inspirierende Tätigkeit wie Reden mit anderen. In den Schränken verstecken sich nicht nur Akten und Büromaterial, sondern auch eine Menge Bücher und Krempel, der wichtig ist.
Es ist ein persönlicher Raum für mich – mein Büro.
Stefan Keller ist Autor, Drehbuchautor und Autorencoach und einer der Tatort-Schreibtisch-Autorenpaten.
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Die Frage der Woche

Franz Kafka, um mit einem ganz berühmten Beispiel zu beginnen, erzählt nahezu ausschließlich aus Sicht einer einzigen Person in der jeweiligen Geschichte. Nehmen Sie etwa seinen Roman Der Prozess: Erzählt wird in der dritten Person, jedoch in strenger Anbindung an K., seiner Hauptfigur. Allein dessen Erleben bestimmt das, was wir Leser über die Geschichte erfahren. Damit sind wir dem unverständlichen Apparat genauso hilflos ausgeliefert wie K. selbst. Figur und Geschichte, beides kommt uns sehr nah, und wir können gar nicht anders, wir müssen uns mit K. identifizieren.
Ähnlich ausgeprägte Anbindungen an eine einzige Figur in der Geschichte findet man bei Ich-Erzählungen, denn naturgemäß kann so ein Ich-Erzähler nur von seinem Kenntnisstand aus und aus seiner Sicht heraus berichten. Naheliegend, dass viele Ich-Erzähler ihre eigene Geschichte erzählen, also zugleich die Hauptfigur sind: Thomas Manns Felix Krull schreibt in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull seine eigenen Memoiren, während Nell Zinks Tiffany in The Wallcreeper (deutsch: Der Mauerläufer) ganz ohne einen solchen Schreib-Vorwand aus ihrer Sicht ihre Geschichte erzählt.
Eine scheinbar eindeutige Antwort auf die Frage, wessen Geschichte von wem erzählt wird, ist der Anfang von Hermann Melvilles Moby Dick: „Nennt mich Ismael“, lautet der erste Satz des Romans. Allerdings ist Ismael, der Ich-Erzähler, hier nicht die Hauptfigur, sondern ein Zeuge oder Betroffener der Geschichte. Deren Verlauf jedoch bestimmt Kapitän Ahab mit seiner Gier, sich am weißen Wal Moby Dick zu rächen. Diese Aufteilung „Hauptfigur dort, Ich-Erzähler hier“ kennen Krimifans natürlich bestens – nämlich von Sir Arthur Conan Doyles fiktionalem Duo Sherlock Holmes (Hauptfigur) und Dr. Watson (Ich-Erzähler). Dennoch bleiben auch diese Varianten monoperspektivisch, denn alles, was erzählt wird, entspricht nur dem Blickwinkel des jeweiligen Erzählers, der über die inneren Motive der Hauptfigur (und aller anderen Figuren) genau wie der Leser nur spekulieren kann.
Die Möglichkeit, eine Geschichte aus Sicht verschiedener Figuren zu erzählen – also multiperspektivisch, aus verschiedenen Erzählperspektiven – und dabei die Weltsichten der Figuren unmittelbar aufeinander prallen zu lassen, dürfte mit zu den zentralen Bausteinen des Schreibhandwerks gehören, der einen Text aus Autoren- wie Lesersicht reizvoll macht.
Manches lässt sich nur multiperspektivisch erzählen: etwa wie unterschiedlich wir alle die Welt wahrnehmen und wie oft uns nicht mal in den Sinn kommt, dass andere die Sache anders sehen könnten. Im realen Leben mag das häufig zu unangenehmen Missverständnissen führen. In der Literatur kann das zum Quell für Komik und Ironie, aber auch tiefere Erkenntnis werden. Die Geschichte von Ratte, dem Junkie mit Helfersyndrom, und der verdeckten Ermittlerin Charlie mitsamt ihren manischen Zügen hätte ich jedenfalls nie aus nur einer Sicht erzählen können. Denn in meinem Roman Rattes Gift geht es darum, dass die beiden die brenzlige Situation, in der sie stecken, nur überleben können, wenn sie zusammenarbeiten – und dafür müssen sie lernen, wie der andere die Welt sieht. Okay, und kapieren, dass sie sich verliebt haben, müssen sie auch. Denn Liebe ist ja ebenfalls etwas, das aus Sicht jedes Beteiligten sehr unterschiedlich wahrgenommen werden kann ... Kurzum: Ein Roman, in dem es um gegenseitiges Sehen geht und in dem die Beziehung zwischen den Figuren essentiell ist, lässt sich oft im Wechsel der entsprechenden Figurenperspektiven am besten erzählen.
Kleiner Tipp am Rande: Wenn man nicht sicher ist, ob einem das multiperspektivische Erzählen liegt, kann man es ja einfach mal für ein, zwei Kapitel ausprobieren. Und dann kann man auch gleich testen, ob man seine Figurenperspektiven lieber in der dritten Person gestalten möchte oder ob es zwei Ich-Erzähler sein müssen. In meinem Debüt, der Kriminalnovelle Der Tod ist ein langer, trüber Fluss, war das die Lösung. Nur, indem ich Ophelia, die Frau ohne Gedächtnis, die die Toten hört, und ihren toten 'Begleiter' Raffael als Ich-Erzähler auftreten lasse, kann ich dem Leser die Freiheit lassen, wie er diese nun, sagen wir, nicht ganz alltägliche Situation deutet. Wenn ein „ich“ spricht, geht es um die Erfahrungen und Ansichten eines Individuums, um etwas radikal Subjektives. Der Autor tritt still und leise hinter den Ansichten und Wahrnehmungen der Figur zurück, und der Leser ist gefordert, sich selbst seinen Reim darauf zu machen.
Die Möglichkeit, einerseits aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen und mit dem darin enthaltenen Potenzial für komische, tragische, ironische und andere Missverständnisse zu spielen, und andererseits komplett hinter seinen Geschöpfen zurückzutreten und obendrein dem Ganzen auch noch den Anstrich von Authentizität, ja 'Realität' zu geben, dürfte der Grund sein, warum das multiperspektivische Erzählen im ausgehenden 18.Jahrhundert mit einer ganz besonderen Gattung begann – nämlich als Briefroman.
Der Briefroman hat den Vorteil, dass sich auf der einen Seite das Material des Romans gewissermaßen selbst erklärt – zwei oder mehr Menschen schreiben einander Briefe und schildern darin ihr Erleben mit ihrer hoffentlich jeweils individuellen Sprache und aus ihrem ganz eigenen, jeweils begrenzten Blickwinkel. Auf der anderen Seite lässt das Raum für allerlei Verwechslungen (insbesondere, wenn Briefe verlorengehen), und haben wir es mit mehr als zwei Briefschreibern zu tun, lassen sich allein dadurch, wer wem was wie sagt oder eben auch verschweigt, ganz hervorragend Intrigen und andere fiese Machenschaften darstellen – siehe etwa Choderlos de Laclos Liasions dangereux (deutsch: Gefährliche Liebschaften - wobei ich hier natürlich das Buch und nicht die eine oder andere Verfilmung meine). Außerdem zeichnet sich der Briefroman durch besonders große Unmittelbarkeit aus, wie man etwa an der teils schon hysterischen, teils sogar tödlichen Begeisterung von Goethes Zeitgenossen für dessen Briefroman Die Leiden des jungen Werther sehen kann. Vermutlich hat das Gefühl, als Leser direkt dabei zu sein, dem Briefschreiber sozusagen über die Schulter zu spähen, auch dem Erfolg von Daniel Glattauers Gut gegen Nordwind nicht geschadet.
Grundvoraussetzung für einen gelungenen Briefroman, ob nun altmodisch auf Papier, als E-Mail-Variante oder Whatsapp-Gruppe der literarischen Art konzipiert ist, dass jede, aber auch jede schreibende Figur eine eigene Sprache und einen eigenen Blickwinkel hat. Das heißt, gerade beim multiperspektivischen Roman ist es essentiell, dass ich als Autor ganz genau weiß, welche Figur was wann weiß und wer welcher falschen Fährte wann folgt.
Das gilt unabhängig davon, ob ich meinem Leser gegenüber mit dem Rahmen eines Briefromans die Situation, in der meine jeweiligen Ich-Erzähler schreiben, ganz klar vor Augen führe oder meine Ich-Erzähler ohne solches 'Stützwerk' abwechselnd berichten lasse. In seinem furiosen Du bist zu schnell lässt Zoran Drvenkar die verschiedenen Sichtweisen von Theo, Marek und vor allem der psychotischen Val unmittelbar aufeinanderkrachen. Was Realität, was Psychose, was Drogen geschuldet ist oder einfach nur eine Fehlinterpretation aufgrund fehlenden Wissens ist, gleich auf drei verschiedene Achterbahnen wird der Leser hier im Wechsel gesetzt - die natürlich am Ende ein Ganzes ergeben.
Drvenkar überschreibt seine Kapitel noch mit dem Namen des jeweiligen Ich-Erzählers. Bei meinem Roman Stimmengewirr, das den Leser ins Innenleben einer Multiplen Persönlichkeit mitnimmt, schien mir das weder passend noch nötig. So, wie die einzelnen Persönlichkeiten sich immer wieder nach den Zeitlücken, die durch das Switchen untereinander entstehen, orientieren müssen, lernt auch der Leser, meine sieben Ich-Erzähler immer schneller und leichter zu unterscheiden. Allerdings hat diesen Effekt zu erzeugen mich eine Menge Zeit und Arbeit gekostet. Ich musste dafür in die Entwicklung jeder einzelnen Figur, die auch als Ich-Erzähler auftritt, noch mehr Zeit stecken als sonst - und ich habe das fertige Manuskript gleich zwei Mal komplett zerlegt, um mir die Geschichte aus den jeweiligen Einzel-Ich-Ansichten noch einmal anzuschauen und gründlich zu überarbeiten: War die Geschichte jedes Ich-Erzählers in sich stimmig? Blieb jeder während seines Berichts in seinem jeweiligen Wissensstand und, vor allem, in seiner ganz eigenen, individuellen Sicht- und Sprechweise? Kein Wunder, dass bei dem Buch über zehn Jahre zwischen dem ersten Satz und dem Erscheinen lagen ...
Nun könnte man meinen, wenn man multiperspektivisch in der dritten Person schreibt, gäbe es keine Orientierungsprobleme, weil man dann einfach jeden personalen Erzähler, jede Perspektivfigur beim Namen nennen kann. Und außerdem, so könnte man weiterdenken, sei man damit einer Schwierigkeit enthoben, die bei Texten aus Sicht nur einer einzigen Figur auftreten: dass diese nicht immer alles wissen kann, was wir als Autoren gerade meinen, unseren Lesern erzählen zu müssen. Wer hier nicht weiter nachdenkt, tappt schnell in eine Falle, die gute Ideen zu schlechten Büchern machen kann.
Wenn ich mir Standard-Thriller und -Krimis anschaue, habe ich oft den Eindruck, die Autoren wollen es sich einerseits leicht und andererseits ihr Buch besonders spannend machen, indem sie nach Gusto zwischen Ermittlerteam, Opfern, Zeugen, falschen Verdächtigen und gern auch dem (anonymisierten) Täter hin und her springen. Wenn es gut gemacht ist, kann das die Leser mitnehmen. Aber das funktioniert nur dann, wenn der Autor nicht nur seine Geschichte, sondern vor allem seine Figuren ganz besonders gut kennt und sich sicher im Plot bewegt. Denn damit ich als Leser mitfiebern kann, muss ich nicht nur orientiert bleiben zwischen all den Figurenperspektiven, es müssen mich auch idealerweise alle Figuren emotional berühren. Und dafür muss sich der Autor die Mühe machen, sich auf alle Figuren, aus deren Sicht er erzählen will, auch wirklich einzulassen. Sonst bleibt das Ganze eine oberflächliche Scharade, ein bisschen wie Kasperletheater für Erwachsene, bei denen der Leser immer mal wieder das Krokodil kommen sieht oder den Polizisten, bevor das Sepperl oder die Gretel das auch nur ahnen.
Aber wenn sich jemand die Mühe macht, aus all den einzelnen Figurenperspektiven ein Ganzes (also eine Perspektivstruktur) zu entwickeln, dann können multiperspektivische Erzählungen auch und erst recht in der dritten Person nicht nur Bestseller werden (wie die Thriller von Sebastian Fitzek oder Dan Brown), sondern hohe Kunst sein. Achten Sie einfach mal bei den nächsten Büchern, die Sie lesen, darauf, wer die Hauptfigur ist und aus wessen Sicht erzählt wird – und eben darauf, ob es sich um mono- oder multiperspektivisches Erzählen handelt.
Und weil man am besten von den Besten lernt, zum guten Schluss hier noch zwei Buchtipps:
The Taking of Pelham One Two Three (1973), der Thriller um die Entführung einer New Yorker U-Bahn, den Morton Freedgood unter dem Pseudonym John Godey veröffentlichte, kennen die meisten vermutlich aus einer der verschiedenen Verfilmung. Der an sich schon spannenden Geschichte fügt der Roman (deutsche Übersetzung: Abfahrt Pelham 1 Uhr 23) über die Perspektivstruktur noch ein weiteres Element hinzu: Als Leser kennen wir nur die Alias-Namen der Täter im Zug, wir wissen nicht, wie sie aussehen. Obwohl wir erleben, dass sie da sind, und erfahren, was sie vorhaben, wissen wir nicht, wer wer ist. Das heißt, hier gelingt es über den Mix aus Figurenperspektiven den Leser einerseits tief in die Gedanken und Pläne der (Täter-) Figuren blicken zu lassen und ihnen doch so ausgeliefert zu sein wie die Geiseln bzw. ein den Ermittlern ähnliches Problem bei deren Identifizierung zu haben.
Wer es literarischer mag, dem sei Virginia Woolfs Roman The Waves (deutsch: Die Wellen) aus dem Jahr 1931 empfohlen. Mithilfe der Gedankenströme von sechs Figuren, allesamt Freunde, wird nicht nur das Wesen dieser sechs Individuen und ihrer Freundschaft erkundet, es wird zugleich die Geschichte eines abwesenden siebten, der selbst nie zum aktiven Sprecher wird, erzählt. Ein meisterhaftes und poetisches Verfahren.
Haben Sie Vergnügen beim Lesen! Von dem Sie sich zu eigenen Experimenten inspirieren lassen sollten. Denn, Sie wissen ja: Schreiben lernt man nur durchs Schreiben ...
Was bedeutet „multiperspektivisches Erzählen“?
von Mischa Bach

Bevor wir uns diese Frage widmen können, müssen wir erst eimal
definieren, was Perspektive in Bezug auf eine Erzählung meint. Eine
Geschichte zu erzählen (oder zu schreiben), bedeutet immer, dies aus
einem bestimmten Blickwinkel, einer bestimmbaren Perspektive heraus zu
tun. Dabei geht es nicht darum, von welchem Standpunkt man sich als
Autor der Sache nähert (selbst ein allwissender oder auktorialer
Erzähler, über den wir an anderer Stelle noch zu reden haben werden, ist
nicht einfach ein Abbild des realen Autors im Text). Es geht um die
Perspektiven der Erzählung selbst: Wessen Geschichte ist es und wer
erzählt sie – das ist die Frage, die man sich vor dem Schreiben stellen
und beantworten muss.
Franz Kafka, um mit einem ganz berühmten Beispiel zu beginnen, erzählt nahezu ausschließlich aus Sicht einer einzigen Person in der jeweiligen Geschichte. Nehmen Sie etwa seinen Roman Der Prozess: Erzählt wird in der dritten Person, jedoch in strenger Anbindung an K., seiner Hauptfigur. Allein dessen Erleben bestimmt das, was wir Leser über die Geschichte erfahren. Damit sind wir dem unverständlichen Apparat genauso hilflos ausgeliefert wie K. selbst. Figur und Geschichte, beides kommt uns sehr nah, und wir können gar nicht anders, wir müssen uns mit K. identifizieren.
Ähnlich ausgeprägte Anbindungen an eine einzige Figur in der Geschichte findet man bei Ich-Erzählungen, denn naturgemäß kann so ein Ich-Erzähler nur von seinem Kenntnisstand aus und aus seiner Sicht heraus berichten. Naheliegend, dass viele Ich-Erzähler ihre eigene Geschichte erzählen, also zugleich die Hauptfigur sind: Thomas Manns Felix Krull schreibt in Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull seine eigenen Memoiren, während Nell Zinks Tiffany in The Wallcreeper (deutsch: Der Mauerläufer) ganz ohne einen solchen Schreib-Vorwand aus ihrer Sicht ihre Geschichte erzählt.
Eine scheinbar eindeutige Antwort auf die Frage, wessen Geschichte von wem erzählt wird, ist der Anfang von Hermann Melvilles Moby Dick: „Nennt mich Ismael“, lautet der erste Satz des Romans. Allerdings ist Ismael, der Ich-Erzähler, hier nicht die Hauptfigur, sondern ein Zeuge oder Betroffener der Geschichte. Deren Verlauf jedoch bestimmt Kapitän Ahab mit seiner Gier, sich am weißen Wal Moby Dick zu rächen. Diese Aufteilung „Hauptfigur dort, Ich-Erzähler hier“ kennen Krimifans natürlich bestens – nämlich von Sir Arthur Conan Doyles fiktionalem Duo Sherlock Holmes (Hauptfigur) und Dr. Watson (Ich-Erzähler). Dennoch bleiben auch diese Varianten monoperspektivisch, denn alles, was erzählt wird, entspricht nur dem Blickwinkel des jeweiligen Erzählers, der über die inneren Motive der Hauptfigur (und aller anderen Figuren) genau wie der Leser nur spekulieren kann.
Die Möglichkeit, eine Geschichte aus Sicht verschiedener Figuren zu erzählen – also multiperspektivisch, aus verschiedenen Erzählperspektiven – und dabei die Weltsichten der Figuren unmittelbar aufeinander prallen zu lassen, dürfte mit zu den zentralen Bausteinen des Schreibhandwerks gehören, der einen Text aus Autoren- wie Lesersicht reizvoll macht.
Manches lässt sich nur multiperspektivisch erzählen: etwa wie unterschiedlich wir alle die Welt wahrnehmen und wie oft uns nicht mal in den Sinn kommt, dass andere die Sache anders sehen könnten. Im realen Leben mag das häufig zu unangenehmen Missverständnissen führen. In der Literatur kann das zum Quell für Komik und Ironie, aber auch tiefere Erkenntnis werden. Die Geschichte von Ratte, dem Junkie mit Helfersyndrom, und der verdeckten Ermittlerin Charlie mitsamt ihren manischen Zügen hätte ich jedenfalls nie aus nur einer Sicht erzählen können. Denn in meinem Roman Rattes Gift geht es darum, dass die beiden die brenzlige Situation, in der sie stecken, nur überleben können, wenn sie zusammenarbeiten – und dafür müssen sie lernen, wie der andere die Welt sieht. Okay, und kapieren, dass sie sich verliebt haben, müssen sie auch. Denn Liebe ist ja ebenfalls etwas, das aus Sicht jedes Beteiligten sehr unterschiedlich wahrgenommen werden kann ... Kurzum: Ein Roman, in dem es um gegenseitiges Sehen geht und in dem die Beziehung zwischen den Figuren essentiell ist, lässt sich oft im Wechsel der entsprechenden Figurenperspektiven am besten erzählen.
Kleiner Tipp am Rande: Wenn man nicht sicher ist, ob einem das multiperspektivische Erzählen liegt, kann man es ja einfach mal für ein, zwei Kapitel ausprobieren. Und dann kann man auch gleich testen, ob man seine Figurenperspektiven lieber in der dritten Person gestalten möchte oder ob es zwei Ich-Erzähler sein müssen. In meinem Debüt, der Kriminalnovelle Der Tod ist ein langer, trüber Fluss, war das die Lösung. Nur, indem ich Ophelia, die Frau ohne Gedächtnis, die die Toten hört, und ihren toten 'Begleiter' Raffael als Ich-Erzähler auftreten lasse, kann ich dem Leser die Freiheit lassen, wie er diese nun, sagen wir, nicht ganz alltägliche Situation deutet. Wenn ein „ich“ spricht, geht es um die Erfahrungen und Ansichten eines Individuums, um etwas radikal Subjektives. Der Autor tritt still und leise hinter den Ansichten und Wahrnehmungen der Figur zurück, und der Leser ist gefordert, sich selbst seinen Reim darauf zu machen.
Die Möglichkeit, einerseits aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen und mit dem darin enthaltenen Potenzial für komische, tragische, ironische und andere Missverständnisse zu spielen, und andererseits komplett hinter seinen Geschöpfen zurückzutreten und obendrein dem Ganzen auch noch den Anstrich von Authentizität, ja 'Realität' zu geben, dürfte der Grund sein, warum das multiperspektivische Erzählen im ausgehenden 18.Jahrhundert mit einer ganz besonderen Gattung begann – nämlich als Briefroman.
Der Briefroman hat den Vorteil, dass sich auf der einen Seite das Material des Romans gewissermaßen selbst erklärt – zwei oder mehr Menschen schreiben einander Briefe und schildern darin ihr Erleben mit ihrer hoffentlich jeweils individuellen Sprache und aus ihrem ganz eigenen, jeweils begrenzten Blickwinkel. Auf der anderen Seite lässt das Raum für allerlei Verwechslungen (insbesondere, wenn Briefe verlorengehen), und haben wir es mit mehr als zwei Briefschreibern zu tun, lassen sich allein dadurch, wer wem was wie sagt oder eben auch verschweigt, ganz hervorragend Intrigen und andere fiese Machenschaften darstellen – siehe etwa Choderlos de Laclos Liasions dangereux (deutsch: Gefährliche Liebschaften - wobei ich hier natürlich das Buch und nicht die eine oder andere Verfilmung meine). Außerdem zeichnet sich der Briefroman durch besonders große Unmittelbarkeit aus, wie man etwa an der teils schon hysterischen, teils sogar tödlichen Begeisterung von Goethes Zeitgenossen für dessen Briefroman Die Leiden des jungen Werther sehen kann. Vermutlich hat das Gefühl, als Leser direkt dabei zu sein, dem Briefschreiber sozusagen über die Schulter zu spähen, auch dem Erfolg von Daniel Glattauers Gut gegen Nordwind nicht geschadet.
Grundvoraussetzung für einen gelungenen Briefroman, ob nun altmodisch auf Papier, als E-Mail-Variante oder Whatsapp-Gruppe der literarischen Art konzipiert ist, dass jede, aber auch jede schreibende Figur eine eigene Sprache und einen eigenen Blickwinkel hat. Das heißt, gerade beim multiperspektivischen Roman ist es essentiell, dass ich als Autor ganz genau weiß, welche Figur was wann weiß und wer welcher falschen Fährte wann folgt.
Das gilt unabhängig davon, ob ich meinem Leser gegenüber mit dem Rahmen eines Briefromans die Situation, in der meine jeweiligen Ich-Erzähler schreiben, ganz klar vor Augen führe oder meine Ich-Erzähler ohne solches 'Stützwerk' abwechselnd berichten lasse. In seinem furiosen Du bist zu schnell lässt Zoran Drvenkar die verschiedenen Sichtweisen von Theo, Marek und vor allem der psychotischen Val unmittelbar aufeinanderkrachen. Was Realität, was Psychose, was Drogen geschuldet ist oder einfach nur eine Fehlinterpretation aufgrund fehlenden Wissens ist, gleich auf drei verschiedene Achterbahnen wird der Leser hier im Wechsel gesetzt - die natürlich am Ende ein Ganzes ergeben.
Drvenkar überschreibt seine Kapitel noch mit dem Namen des jeweiligen Ich-Erzählers. Bei meinem Roman Stimmengewirr, das den Leser ins Innenleben einer Multiplen Persönlichkeit mitnimmt, schien mir das weder passend noch nötig. So, wie die einzelnen Persönlichkeiten sich immer wieder nach den Zeitlücken, die durch das Switchen untereinander entstehen, orientieren müssen, lernt auch der Leser, meine sieben Ich-Erzähler immer schneller und leichter zu unterscheiden. Allerdings hat diesen Effekt zu erzeugen mich eine Menge Zeit und Arbeit gekostet. Ich musste dafür in die Entwicklung jeder einzelnen Figur, die auch als Ich-Erzähler auftritt, noch mehr Zeit stecken als sonst - und ich habe das fertige Manuskript gleich zwei Mal komplett zerlegt, um mir die Geschichte aus den jeweiligen Einzel-Ich-Ansichten noch einmal anzuschauen und gründlich zu überarbeiten: War die Geschichte jedes Ich-Erzählers in sich stimmig? Blieb jeder während seines Berichts in seinem jeweiligen Wissensstand und, vor allem, in seiner ganz eigenen, individuellen Sicht- und Sprechweise? Kein Wunder, dass bei dem Buch über zehn Jahre zwischen dem ersten Satz und dem Erscheinen lagen ...
Nun könnte man meinen, wenn man multiperspektivisch in der dritten Person schreibt, gäbe es keine Orientierungsprobleme, weil man dann einfach jeden personalen Erzähler, jede Perspektivfigur beim Namen nennen kann. Und außerdem, so könnte man weiterdenken, sei man damit einer Schwierigkeit enthoben, die bei Texten aus Sicht nur einer einzigen Figur auftreten: dass diese nicht immer alles wissen kann, was wir als Autoren gerade meinen, unseren Lesern erzählen zu müssen. Wer hier nicht weiter nachdenkt, tappt schnell in eine Falle, die gute Ideen zu schlechten Büchern machen kann.
Wenn ich mir Standard-Thriller und -Krimis anschaue, habe ich oft den Eindruck, die Autoren wollen es sich einerseits leicht und andererseits ihr Buch besonders spannend machen, indem sie nach Gusto zwischen Ermittlerteam, Opfern, Zeugen, falschen Verdächtigen und gern auch dem (anonymisierten) Täter hin und her springen. Wenn es gut gemacht ist, kann das die Leser mitnehmen. Aber das funktioniert nur dann, wenn der Autor nicht nur seine Geschichte, sondern vor allem seine Figuren ganz besonders gut kennt und sich sicher im Plot bewegt. Denn damit ich als Leser mitfiebern kann, muss ich nicht nur orientiert bleiben zwischen all den Figurenperspektiven, es müssen mich auch idealerweise alle Figuren emotional berühren. Und dafür muss sich der Autor die Mühe machen, sich auf alle Figuren, aus deren Sicht er erzählen will, auch wirklich einzulassen. Sonst bleibt das Ganze eine oberflächliche Scharade, ein bisschen wie Kasperletheater für Erwachsene, bei denen der Leser immer mal wieder das Krokodil kommen sieht oder den Polizisten, bevor das Sepperl oder die Gretel das auch nur ahnen.
Aber wenn sich jemand die Mühe macht, aus all den einzelnen Figurenperspektiven ein Ganzes (also eine Perspektivstruktur) zu entwickeln, dann können multiperspektivische Erzählungen auch und erst recht in der dritten Person nicht nur Bestseller werden (wie die Thriller von Sebastian Fitzek oder Dan Brown), sondern hohe Kunst sein. Achten Sie einfach mal bei den nächsten Büchern, die Sie lesen, darauf, wer die Hauptfigur ist und aus wessen Sicht erzählt wird – und eben darauf, ob es sich um mono- oder multiperspektivisches Erzählen handelt.
Und weil man am besten von den Besten lernt, zum guten Schluss hier noch zwei Buchtipps:
The Taking of Pelham One Two Three (1973), der Thriller um die Entführung einer New Yorker U-Bahn, den Morton Freedgood unter dem Pseudonym John Godey veröffentlichte, kennen die meisten vermutlich aus einer der verschiedenen Verfilmung. Der an sich schon spannenden Geschichte fügt der Roman (deutsche Übersetzung: Abfahrt Pelham 1 Uhr 23) über die Perspektivstruktur noch ein weiteres Element hinzu: Als Leser kennen wir nur die Alias-Namen der Täter im Zug, wir wissen nicht, wie sie aussehen. Obwohl wir erleben, dass sie da sind, und erfahren, was sie vorhaben, wissen wir nicht, wer wer ist. Das heißt, hier gelingt es über den Mix aus Figurenperspektiven den Leser einerseits tief in die Gedanken und Pläne der (Täter-) Figuren blicken zu lassen und ihnen doch so ausgeliefert zu sein wie die Geiseln bzw. ein den Ermittlern ähnliches Problem bei deren Identifizierung zu haben.
Wer es literarischer mag, dem sei Virginia Woolfs Roman The Waves (deutsch: Die Wellen) aus dem Jahr 1931 empfohlen. Mithilfe der Gedankenströme von sechs Figuren, allesamt Freunde, wird nicht nur das Wesen dieser sechs Individuen und ihrer Freundschaft erkundet, es wird zugleich die Geschichte eines abwesenden siebten, der selbst nie zum aktiven Sprecher wird, erzählt. Ein meisterhaftes und poetisches Verfahren.
Haben Sie Vergnügen beim Lesen! Von dem Sie sich zu eigenen Experimenten inspirieren lassen sollten. Denn, Sie wissen ja: Schreiben lernt man nur durchs Schreiben ...
Mischa Bach alias Dr. Michaela Bach ist nicht nur Autorin und Drehbuchautorin, sondern auch Dramatikerin, Übersetzerin und Sachbuchautorin. Ihre einfühlsamen und präzisen Texte wurden mit dem Martha-Saalfeld-Preis ausgezeichnet und für den Glauser-Preis nominiert. Die promovierte Filmwissenschaftlerin arbeitet außerdem als Dozentin und als Lektorin, unterrichtet Literaturwissenschaft an der Universität Essen und gibt immer wieder Schreibkurse für werdende Autoren.
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Tatort-Schreibtisch-Buch der Woche
Jan Schröters "Goldene Schreibregeln"
Der erfolgreiche Roman- und Drehbuchautor Jan Schröter verrät in diesem höchst vergnüglichen Schreibratgeber 22 Regeln, die ihm auf dem Weg zum Autor geholfen haben...Das ist nicht nur für werdende Autoren interessant, sondern auch
für alle, die mehr von der Welt erfahren möchten, in der sich Autoren
bewegen. Denn Schröter gibt nicht nur Schreibtipps, sondern er ergänzt
seine Ratschläge mit augenzwinkernden Berichten aus seinem Arbeitsleben.
Absolut lesenswert!
»Jan Schröter ist ein Spezialist für existentielle Fragen in lockerem Unterhaltungston, und er beantwortet sie mit einem sehr feinen, leisen Humor.« - BRIGITTE
Der ultimative Bericht aus der Autorenpraxis - amüsant und lehrreich!
ISBN 9783946312154
136 Seiten
Print-Ausgabe: 12 € (A: 12,40 €)
E-Book: 9,99 €
E-Book ohne Anmeldung kaufen
gedrucktes Buch kaufen

Jan Schröter kennt die Höhen und die Tiefen des Autorendaseins schmerzlich genau. Er arbeitete als Journalist und Kolumnist, schrieb Reiseführer und Kurzgeschichten, massierte die Herzen der Zuschauer mit seinen Drehbüchern für den ZDF-Kultdampfer „Das Traumschiff“ und war jahrelang Stammautor der ARD-Serie „Großstadtrevier“. Bekannt geworden ist er durch seine absurd-komischen Krimis und Romane, in denen er augenzwinkernd und nicht ohne Mitgefühl seine Figuren ins Chaos stürzt.
Autorenportrait von Jan Schröter
LESEPROBE
Vor einiger Zeit bat mich mein Verleger um einen kurzen Text darüber, wie ich ein Autor geworden bin. Er wusste damals bereits, dass ich diesbezüglich einige schillernde Geschichten zu bieten hatte. Und als ich meinen Text ablieferte, war uns beiden klar: Dies kann nur das erste Kapitel eines Romans sein.
Das wurde es dann auch. Der Roman „Wie mich mein Deutschlehrer fast umbrachte … ich als russischer Arzt praktizierte, das Liebesleben einer Chefsekretärin beflügelte und trotzdem Autor wurde“ verpackt persönliche Erfahrungen in eine fiktive Rahmenhandlung. Zur Auflockerung, als „Running Gag“ und um zwischendurch immer mal wieder den Bezug zum Schreiben herzustellen, verpasste ich jedem Kapitel mindestens eine besondere, schrifttypisch abgesetzte Textzeile. In diesen Zeilen formulierte ich Schreibregeln, 22 griffige Thesen aus der Praxis des Autorendaseins.
Und als der Roman fertig war, meldete sich wieder mein Verleger.
„Diese Schreibregeln, die sind großartig! Damit musst du mir unbedingt noch ein Buch schreiben. Für unsere Berufskollegen und überhaupt für jeden, der sich für das Schreiben interessiert.“
Ich hasse die meisten pädagogischen Sachbücher. Und zwar aus Erfahrung, ich habe in grauer Vorzeit Erziehungswissenschaft studiert. Spätestens, wenn man konsterniert und allein vor einer voll aus dem Ruder gelaufenen Horde Achtklässler steht, wird einem bewusst, dass man 99 Prozent dieser Schlaubergerliteratur in die Tonne treten kann. Deshalb lautete meine Antwort:
„Die 22 Schreibregeln meine ich zwar durchaus ernst. Aber das ist weder in didaktisch durchdachter Reihenfolge sortiert, noch begründet es eine verbindliche Schreiblehre.“
„Schon klar“, antwortete mein Verleger, von meiner abwehrenden Haltung unbeeindruckt.
„Ich bin kein Literaturprofessor“, versuchte ich es noch einmal, „die Regeln decken sich mit meiner persönlichen Berufserfahrung, das ist alles. Ich möchte kein Schulbuch schreiben, sondern unterhaltsame Geschichten erzählen.“
„Mach das“, sprach mein Verleger gelassen. „Hauptsache, es geht dabei um die Schreibregeln. Ich bin mir sicher, du hast dazu etwas zu sagen.“
Und das haben Sie jetzt davon.
Ergänzend zu den »Goldenem Schreibregeln« hat Jan Schröter ein zweites Buch geschrieben, einen Roman, in dem er seinen Weg zum Autor bescheibt: »Wie mich mein Deutschlehrer fast umbrachte …«
© Autorenfoto: Hocky Neubert
»Jan Schröter ist ein Spezialist für existentielle Fragen in lockerem Unterhaltungston, und er beantwortet sie mit einem sehr feinen, leisen Humor.« - BRIGITTE
Der ultimative Bericht aus der Autorenpraxis - amüsant und lehrreich!
ISBN 9783946312154
136 Seiten
Print-Ausgabe: 12 € (A: 12,40 €)
E-Book: 9,99 €
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Jan Schröter kennt die Höhen und die Tiefen des Autorendaseins schmerzlich genau. Er arbeitete als Journalist und Kolumnist, schrieb Reiseführer und Kurzgeschichten, massierte die Herzen der Zuschauer mit seinen Drehbüchern für den ZDF-Kultdampfer „Das Traumschiff“ und war jahrelang Stammautor der ARD-Serie „Großstadtrevier“. Bekannt geworden ist er durch seine absurd-komischen Krimis und Romane, in denen er augenzwinkernd und nicht ohne Mitgefühl seine Figuren ins Chaos stürzt.
Autorenportrait von Jan Schröter
LESEPROBE
Vor einiger Zeit bat mich mein Verleger um einen kurzen Text darüber, wie ich ein Autor geworden bin. Er wusste damals bereits, dass ich diesbezüglich einige schillernde Geschichten zu bieten hatte. Und als ich meinen Text ablieferte, war uns beiden klar: Dies kann nur das erste Kapitel eines Romans sein.
Das wurde es dann auch. Der Roman „Wie mich mein Deutschlehrer fast umbrachte … ich als russischer Arzt praktizierte, das Liebesleben einer Chefsekretärin beflügelte und trotzdem Autor wurde“ verpackt persönliche Erfahrungen in eine fiktive Rahmenhandlung. Zur Auflockerung, als „Running Gag“ und um zwischendurch immer mal wieder den Bezug zum Schreiben herzustellen, verpasste ich jedem Kapitel mindestens eine besondere, schrifttypisch abgesetzte Textzeile. In diesen Zeilen formulierte ich Schreibregeln, 22 griffige Thesen aus der Praxis des Autorendaseins.
Und als der Roman fertig war, meldete sich wieder mein Verleger.
„Diese Schreibregeln, die sind großartig! Damit musst du mir unbedingt noch ein Buch schreiben. Für unsere Berufskollegen und überhaupt für jeden, der sich für das Schreiben interessiert.“
Ich hasse die meisten pädagogischen Sachbücher. Und zwar aus Erfahrung, ich habe in grauer Vorzeit Erziehungswissenschaft studiert. Spätestens, wenn man konsterniert und allein vor einer voll aus dem Ruder gelaufenen Horde Achtklässler steht, wird einem bewusst, dass man 99 Prozent dieser Schlaubergerliteratur in die Tonne treten kann. Deshalb lautete meine Antwort:
„Die 22 Schreibregeln meine ich zwar durchaus ernst. Aber das ist weder in didaktisch durchdachter Reihenfolge sortiert, noch begründet es eine verbindliche Schreiblehre.“
„Schon klar“, antwortete mein Verleger, von meiner abwehrenden Haltung unbeeindruckt.
„Ich bin kein Literaturprofessor“, versuchte ich es noch einmal, „die Regeln decken sich mit meiner persönlichen Berufserfahrung, das ist alles. Ich möchte kein Schulbuch schreiben, sondern unterhaltsame Geschichten erzählen.“
„Mach das“, sprach mein Verleger gelassen. „Hauptsache, es geht dabei um die Schreibregeln. Ich bin mir sicher, du hast dazu etwas zu sagen.“
Und das haben Sie jetzt davon.
Ergänzend zu den »Goldenem Schreibregeln« hat Jan Schröter ein zweites Buch geschrieben, einen Roman, in dem er seinen Weg zum Autor bescheibt: »Wie mich mein Deutschlehrer fast umbrachte …«
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Schreibregel der Woche

© Autorenfoto: Hocky Neubert
Sie möchten einen Roman schreiben. Oder das Drehbuch für einen Film. Ein Gedicht, einen Songtext oder „nur“ eine Kurzgeschichte. Sie haben betörende Bilder im Kopf: Landschaften, Sonnenuntergänge, eine Traumfrau oder einen Traummann, Action, Romantik, Witz und Drama. Vielleicht gibt es sogar einen konkreten, realen Auslöser für Ihren Wunsch, etwas zu schreiben...
Recherchiere deine Geschichte – theoretisch ist okay, praktisch ist gefühlsechter.
von Jan Schröter
© Autorenfoto: Hocky Neubert
Sie möchten einen Roman schreiben. Oder das Drehbuch für einen Film. Ein Gedicht, einen Songtext oder „nur“ eine Kurzgeschichte. Sie haben betörende Bilder im Kopf: Landschaften, Sonnenuntergänge, eine Traumfrau oder einen Traummann, Action, Romantik, Witz und Drama. Vielleicht gibt es sogar einen konkreten, realen Auslöser für Ihren Wunsch, etwas zu schreiben...
Möglicherweise haben Sie selbst oder jemand aus Ihrem
Bekanntenkreis etwas erlebt, und alle – Sie vor allem, vermutlich –
kommentieren das spontan: „Da könnte man ja glatt ein Buch draus
machen!“
Könnte man. Meistens wird aber nichts daraus. Und das, obwohl Sie sich doch sicher sind, dass diese Geschichte alles bietet, was einen Bestseller, Nummer-Eins-Hit oder Kinoknüller ausmacht.
Vielleicht versuchen Sie es sogar. Fahren den PC hoch, richten einen Ordner und eine Datei ein, schreiben ein paar Worte, Zeilen oder gar Seiten. Irgendwann, das ist so gut wie unausweichlich, kommt der gnadenlose Ernüchterungsmoment, in dem es nicht mehr vorangeht. An dem der Cursor nur noch blinkend an ein und derselben Stelle verharrt. Der Bildschirmschoner den Monitor kapert. Bis sich die ganze Kiste in den Stand-by-Modus verabschiedet und Sie resigniert die Segel streichen. Und alles bloß, weil Ihr Werk an einen Punkt gelangt ist, von dem Sie einfach nichts verstehen. Himmelherrgott, Sie sind Verwaltungsangestellte oder Ingenieur, dekorieren Schaufenster oder handeln mit Aktien – woher sollen Sie denn wissen, wie ein Streifenpolizist durch die Nacht kommt oder was eine Pathologin an ihren Job liebt?
Sie wissen es nicht.
Sie wissen das, was Sie gelernt und vor allem das, was Sie selbst erlebt haben. Man kann selbstverständlich auch einen Roman übers eigene Leben schreiben, aber unser eigenes Leben bietet – Hand aufs Herz – meistens nicht den Stoff, der ein breites Publikum vom Hocker haut, und das ist ja vielleicht auch ganz gut so. Wer möchte schon in seinem wirklichen Dasein ein Kettensägenkiller sein oder ein Soziopath wie James Bond? Und selbst, wenn man aus der eigenen Lebenserfahrung tatsächlich einen Roman machen kann: Vielleicht möchte man noch einen zweiten veröffentlichen. Spätestens dann müsste man sich etwas ausdenken.
Über Fantasie zu verfügen, ist für Autoren äußerst hilfreich. Als Schreiber die Realität völlig zu ignorieren, stößt jedoch seitens der Leserschaft meist auf Unverständnis – es sei denn, Ihr geplantes Werk bewegt sich im Fantasy- oder Science Fiction-Genre. Doch selbst hier müssen Sie die Geschichte mit glaubhaften Details füttern, welche die Lücke zwischen Gegenwart und Utopie nachvollziehbar schließen. Sonst können sich die Leser nicht in Ihre Fantasie hineindenken, bleiben kalt, werden Band 1 nicht weiterempfehlen und Band 2 sicher nicht vorbestellen.
Wenn es also in Ihrem Roman, Drehbuch, Gedicht, Songtext oder in Ihrer Kurzgeschichte Streifenpolizisten oder Pathologinnen gibt, die eine maßgebliche Rolle spielen – dann müssen Sie wissen, wie der Berufsalltag dieser Leute aussieht. Gleiches gilt für sachliche Inhalte: Spielen Sie mit der Relativitätstheorie oder der Funktionsweise eines Atomreaktors, sollten Sie sich gewisse Grundkenntnisse darüber aneignen. Bei Atomreaktoren und der Relativitätstheorie käme man möglicherweise mit einschlägiger Lektüre vom Kaliber „Kleine Gebrauchsanweisung für Reaktoren“ oder „Einstein für Anfänger“ über die Runden. Sachliche Inhalte lassen sich meist problemlos recherchieren, sofern man sie selbst versteht. Bei der Relativitätstheorie oder Atomreaktoren stoßen Physiklegastheniker wie ich allerdings schnell an persönliche Grenzen – aber hey, es gibt ja so viele andere interessante Geschichten auf dieser Welt. Streifenpolizisten oder Pathologinnen, zum Beispiel.
Problemlos recherchierbar ist auch die Kulisse eines Werks. Die sollte auf jeden Fall stimmen. Bloß nicht einen falschbenannten Bach durch Berlin fließen lassen oder in Paris die Straßenseiten verwechseln. Die Welt steckt voller selbsternannter Oberlehrer, die nur darauf warten, Autoren solche Stockfehler um die Ohren zu knallen – selbst, wenn das Werk ansonsten stilistisch nobelpreisverdächtig sein sollte. Fantasy- und SciFi-Autoren sind diesbezüglich fein raus, die erfinden sich einen Vampirwald oder den Todesstern – et voilà. Für alles andere bedient man sich aus eigenem Erfahrungsschatz (enorm praktisch und zeitsparend), im Internet und in Reisebüchern (günstig, hinterlässt aber seitens des Autors meist quälende Restzweifel, ob es dort wirklich so ist wie dargestellt) oder man fährt selbst dorthin, um sich vor Ort umzusehen (kostspielig, bereichert jedoch den eigenen Erfahrungsschatz – bei Wiederverwertung also enorm praktisch und zeitsparend).
Beschränken Sie sich bei der Darstellung der Kulisse nicht auf Fassaden oder das Wetter. Sex, zum Beispiel, bleibt in intensivster Erinnerung, wenn er nicht bloß den Körper befriedigt, sondern alle Sinne stimuliert und die Seele gestreichelt hat. Soll man Ihr Buch, Drehbuch oder Songtext ähnlich nachhaltig verinnerlichen, genügt es nicht, beispielsweise eine Fischkonservenfabrik nur in ihrer Architektur und in ihren technischen Abläufen zu beschreiben. Man muss den Fisch in Ihren Zeilen riechen können, Innereien aus den Buchstaben tropfen und klamme Kälte aus den Buchseiten aufsteigen sehen. Dann fühlt man die Fischkonservenfabrik. Ist nicht wie Sex, aber auch unvergesslich.
Um das zu beschreiben, sollten Sie vielleicht mal dort gewesen sein. Genau an diesem Punkt beginnt das Problem, das viele von uns blockiert und das möglicherweise auch bisher die Entstehung Ihres Bestseller-Romans behindert hat. Da die wenigsten von uns einen Fischkonservenfabrikbesitzer in der Verwandtschaft haben, müssten wir bei einem solchen Menschen vorstellig werden und darum bitten, mal den Betrieb besichtigen und mit den Mitarbeitern reden zu dürfen. Optimalerweise vielleicht sogar für ein paar Schichten mitzuarbeiten – Fische ausnehmen, filetieren und eindosen. Das trauen wir uns nicht. Denn unser Anliegen stieße zwangsläufig auf die Gegenfrage: „Warum wollen Sie das?“
Und dann müssten wir uns erklären. Ich bin Autorin oder Autor. Ich möchte ein Buch, Drehbuch, einen Songtext oder eine Kurzgeschichte schreiben. Darin kommt eine Fischfabrik vor und jemand, der dort arbeitet. Und weil mir Fisch sonst bloß als Rollmops beim Katerfrühstück begegnet, muss ich dringend mehr darüber wissen.
Hört sich peinlich genug an, oder?
Müssen Sie jetzt auch noch zugeben, dass Sie sich zwar als Autorin oder Autor fühlen, aber bislang rein gar nichts veröffentlicht haben, weil die Fischkonservenfabriksaga Ihr erstes, großes Ding werden soll – dann ist es für die meisten von uns einfacher, den Traum vom Literaturerfolg, Filmpreis oder Chart-Hit umgehend zu begraben und lieber gar nicht erst in der Fischkonservenfabrik anzufragen.
Bitte nicht.
Versuchen Sie es. Mag sein, dass Sie bei der ersten Adresse abblitzen. Dann klappt es bei der zweiten, es gibt immer mehr als bloß eine Fischkonservenfabrik. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man Sie schon bei der ersten freundlich empfängt und Ihr Anliegen respektvoll behandelt. Wer sich ernsthaft für etwas interessiert – und das tun Sie, Sie möchten ja sogar ein Buch darüber schreiben! –, der wird in aller Regel von denjenigen, denen dieses Interesse gilt, gerne versorgt. Die Gefragten zeigen sich nicht selten sogar ausgesprochen geschmeichelt. Schließlich kommt es garantiert nicht oft vor, dass sich jemand für die Fabrikation von Fischkonserven begeistert und den dramaturgischen Aspekt dieser Tätigkeit würdigt. Das verleiht dem eigenen Beruf endlich die gebührende Bedeutung. Die Wahrscheinlichkeit, dass man Ihnen den roten Teppich ausrollt, ist wesentlich höher als eine barsche Abfuhr.
Natürlich ist es für jede Recherche komfortabel, wenn man als Autor bereits etabliert ist. Als ich Drehbücher für die TV-Serie „Großstadtrevier“ schrieb, gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen der Produktionsfirma und der Polizei Hamburg. Stellte sich ein Drehbuchautor beim Schreiben die Frage, wie man eine Handschelle benutzt oder wie oft ein Beamter zum Schießtraining muss, ließ sich das sofort per Anruf klären. Wollte ich wissen, wie ein Streifenpolizist durch die Nacht kommt, durfte ich eine Reeperbahn-Nachtschicht im Polizeiwagen begleiten. Während meiner Mitarbeit an der Krankenhaus-TV-Saga „Alphateam“ beschäftigte die Produktionsfirma eigens einen Arzt, der uns Drehbuchautoren in medizinischen Details beriet.
Doch selbst Autoren-Novizen öffnen sich viele Recherchequellen. Die Polizei unterhält bundesweit Pressestellen, die auch Privatpersonen Rede und Antwort stehen. Auch Wirtschaftsunternehmen betreiben Öffentlichkeitsarbeit. Im Grunde möchte jeder, der etwas produziert oder eine Dienstleistung anbietet, auch darüber reden. Man muss bloß fragen.
Jede Antwort erweitert den Horizont, jede Erfahrung vergrößert den Werkzeugschrank eines Autors. Nicht alles führt zwangsläufig zur Entstehung eines neuen Werks. Vielleicht spielt es erst viel später mal, in ganz anderen Zusammenhängen, eine Rolle. Auf jeden Fall begreift man durch Treffen mit Menschen, denen man ohne Recherche sicher niemals begegnet wäre, viele Dinge, über die man sich sonst vielleicht überhaupt keine Gedanken gemacht hätte.
Zum Beispiel, was eine Pathologin an ihren Job liebt.
Als ich (vor sehr vielen Jahren…) einige wenige Semester Jura studierte, gab es für Interessierte im Rahmen eines Seminars eine Führung durchs Rechtsmedizinische Institut der Uniklinik. Ich war durchaus interessiert, während der Führung durchs Institut dann allerdings eher für eine hier arbeitende Pathologin – sehr jung, sehr hübsch, leider auch sehr verschlossen und unnahbar. Jahre später schrieb ich an einem Spielfilm-Drehbuch, in dem eine Pathologin eine Rolle spielen sollte. Meine Recherche führte mich wieder ins Rechtsmedizinische Institut, und als Gesprächspartnerin vermittelte man mir – ich hatte es natürlich gehofft – die gleiche Mitarbeiterin, die mir damals schon aufgefallen war: etwas älter, sehr hübsch, leider immer noch verschlossen und unnahbar. Okay, auf der Sachebene bekam ich von ihr die Informationen, die ich für meine Arbeit brauchte. Jedenfalls die Allernötigsten. Aber keine Silbe mehr. Und schon gar keine Reaktion auf meine Bemühungen, den Frost zwischen uns wenigstens etwas aufzutauen. Endlich gab ich es auf. Nur eins wollte ich noch wissen:
„Was liebt eine Pathologin an ihrem Job?“
Sie setzte ihre Antwort mit der Schärfe eines Skalpells.
„Meine Patienten halten die Klappe.“
Aus dem Film ist übrigens auch nichts geworden.
Diese Regel stammt aus dem Tatort-Schreibtisch-Buch:
Jan Schröters "Goldene Schreibregeln" - 22 Tipps für Autoren und alle, die es werden wollen

Die Mailadresse lautet
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Autorenportrait von Jan Schröter
© Autorenfoto: Hocky Neubert
Könnte man. Meistens wird aber nichts daraus. Und das, obwohl Sie sich doch sicher sind, dass diese Geschichte alles bietet, was einen Bestseller, Nummer-Eins-Hit oder Kinoknüller ausmacht.
Vielleicht versuchen Sie es sogar. Fahren den PC hoch, richten einen Ordner und eine Datei ein, schreiben ein paar Worte, Zeilen oder gar Seiten. Irgendwann, das ist so gut wie unausweichlich, kommt der gnadenlose Ernüchterungsmoment, in dem es nicht mehr vorangeht. An dem der Cursor nur noch blinkend an ein und derselben Stelle verharrt. Der Bildschirmschoner den Monitor kapert. Bis sich die ganze Kiste in den Stand-by-Modus verabschiedet und Sie resigniert die Segel streichen. Und alles bloß, weil Ihr Werk an einen Punkt gelangt ist, von dem Sie einfach nichts verstehen. Himmelherrgott, Sie sind Verwaltungsangestellte oder Ingenieur, dekorieren Schaufenster oder handeln mit Aktien – woher sollen Sie denn wissen, wie ein Streifenpolizist durch die Nacht kommt oder was eine Pathologin an ihren Job liebt?
Sie wissen es nicht.
Sie wissen das, was Sie gelernt und vor allem das, was Sie selbst erlebt haben. Man kann selbstverständlich auch einen Roman übers eigene Leben schreiben, aber unser eigenes Leben bietet – Hand aufs Herz – meistens nicht den Stoff, der ein breites Publikum vom Hocker haut, und das ist ja vielleicht auch ganz gut so. Wer möchte schon in seinem wirklichen Dasein ein Kettensägenkiller sein oder ein Soziopath wie James Bond? Und selbst, wenn man aus der eigenen Lebenserfahrung tatsächlich einen Roman machen kann: Vielleicht möchte man noch einen zweiten veröffentlichen. Spätestens dann müsste man sich etwas ausdenken.
Über Fantasie zu verfügen, ist für Autoren äußerst hilfreich. Als Schreiber die Realität völlig zu ignorieren, stößt jedoch seitens der Leserschaft meist auf Unverständnis – es sei denn, Ihr geplantes Werk bewegt sich im Fantasy- oder Science Fiction-Genre. Doch selbst hier müssen Sie die Geschichte mit glaubhaften Details füttern, welche die Lücke zwischen Gegenwart und Utopie nachvollziehbar schließen. Sonst können sich die Leser nicht in Ihre Fantasie hineindenken, bleiben kalt, werden Band 1 nicht weiterempfehlen und Band 2 sicher nicht vorbestellen.
Wenn es also in Ihrem Roman, Drehbuch, Gedicht, Songtext oder in Ihrer Kurzgeschichte Streifenpolizisten oder Pathologinnen gibt, die eine maßgebliche Rolle spielen – dann müssen Sie wissen, wie der Berufsalltag dieser Leute aussieht. Gleiches gilt für sachliche Inhalte: Spielen Sie mit der Relativitätstheorie oder der Funktionsweise eines Atomreaktors, sollten Sie sich gewisse Grundkenntnisse darüber aneignen. Bei Atomreaktoren und der Relativitätstheorie käme man möglicherweise mit einschlägiger Lektüre vom Kaliber „Kleine Gebrauchsanweisung für Reaktoren“ oder „Einstein für Anfänger“ über die Runden. Sachliche Inhalte lassen sich meist problemlos recherchieren, sofern man sie selbst versteht. Bei der Relativitätstheorie oder Atomreaktoren stoßen Physiklegastheniker wie ich allerdings schnell an persönliche Grenzen – aber hey, es gibt ja so viele andere interessante Geschichten auf dieser Welt. Streifenpolizisten oder Pathologinnen, zum Beispiel.
Problemlos recherchierbar ist auch die Kulisse eines Werks. Die sollte auf jeden Fall stimmen. Bloß nicht einen falschbenannten Bach durch Berlin fließen lassen oder in Paris die Straßenseiten verwechseln. Die Welt steckt voller selbsternannter Oberlehrer, die nur darauf warten, Autoren solche Stockfehler um die Ohren zu knallen – selbst, wenn das Werk ansonsten stilistisch nobelpreisverdächtig sein sollte. Fantasy- und SciFi-Autoren sind diesbezüglich fein raus, die erfinden sich einen Vampirwald oder den Todesstern – et voilà. Für alles andere bedient man sich aus eigenem Erfahrungsschatz (enorm praktisch und zeitsparend), im Internet und in Reisebüchern (günstig, hinterlässt aber seitens des Autors meist quälende Restzweifel, ob es dort wirklich so ist wie dargestellt) oder man fährt selbst dorthin, um sich vor Ort umzusehen (kostspielig, bereichert jedoch den eigenen Erfahrungsschatz – bei Wiederverwertung also enorm praktisch und zeitsparend).
Beschränken Sie sich bei der Darstellung der Kulisse nicht auf Fassaden oder das Wetter. Sex, zum Beispiel, bleibt in intensivster Erinnerung, wenn er nicht bloß den Körper befriedigt, sondern alle Sinne stimuliert und die Seele gestreichelt hat. Soll man Ihr Buch, Drehbuch oder Songtext ähnlich nachhaltig verinnerlichen, genügt es nicht, beispielsweise eine Fischkonservenfabrik nur in ihrer Architektur und in ihren technischen Abläufen zu beschreiben. Man muss den Fisch in Ihren Zeilen riechen können, Innereien aus den Buchstaben tropfen und klamme Kälte aus den Buchseiten aufsteigen sehen. Dann fühlt man die Fischkonservenfabrik. Ist nicht wie Sex, aber auch unvergesslich.
Um das zu beschreiben, sollten Sie vielleicht mal dort gewesen sein. Genau an diesem Punkt beginnt das Problem, das viele von uns blockiert und das möglicherweise auch bisher die Entstehung Ihres Bestseller-Romans behindert hat. Da die wenigsten von uns einen Fischkonservenfabrikbesitzer in der Verwandtschaft haben, müssten wir bei einem solchen Menschen vorstellig werden und darum bitten, mal den Betrieb besichtigen und mit den Mitarbeitern reden zu dürfen. Optimalerweise vielleicht sogar für ein paar Schichten mitzuarbeiten – Fische ausnehmen, filetieren und eindosen. Das trauen wir uns nicht. Denn unser Anliegen stieße zwangsläufig auf die Gegenfrage: „Warum wollen Sie das?“
Und dann müssten wir uns erklären. Ich bin Autorin oder Autor. Ich möchte ein Buch, Drehbuch, einen Songtext oder eine Kurzgeschichte schreiben. Darin kommt eine Fischfabrik vor und jemand, der dort arbeitet. Und weil mir Fisch sonst bloß als Rollmops beim Katerfrühstück begegnet, muss ich dringend mehr darüber wissen.
Hört sich peinlich genug an, oder?
Müssen Sie jetzt auch noch zugeben, dass Sie sich zwar als Autorin oder Autor fühlen, aber bislang rein gar nichts veröffentlicht haben, weil die Fischkonservenfabriksaga Ihr erstes, großes Ding werden soll – dann ist es für die meisten von uns einfacher, den Traum vom Literaturerfolg, Filmpreis oder Chart-Hit umgehend zu begraben und lieber gar nicht erst in der Fischkonservenfabrik anzufragen.
Bitte nicht.
Versuchen Sie es. Mag sein, dass Sie bei der ersten Adresse abblitzen. Dann klappt es bei der zweiten, es gibt immer mehr als bloß eine Fischkonservenfabrik. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass man Sie schon bei der ersten freundlich empfängt und Ihr Anliegen respektvoll behandelt. Wer sich ernsthaft für etwas interessiert – und das tun Sie, Sie möchten ja sogar ein Buch darüber schreiben! –, der wird in aller Regel von denjenigen, denen dieses Interesse gilt, gerne versorgt. Die Gefragten zeigen sich nicht selten sogar ausgesprochen geschmeichelt. Schließlich kommt es garantiert nicht oft vor, dass sich jemand für die Fabrikation von Fischkonserven begeistert und den dramaturgischen Aspekt dieser Tätigkeit würdigt. Das verleiht dem eigenen Beruf endlich die gebührende Bedeutung. Die Wahrscheinlichkeit, dass man Ihnen den roten Teppich ausrollt, ist wesentlich höher als eine barsche Abfuhr.
Natürlich ist es für jede Recherche komfortabel, wenn man als Autor bereits etabliert ist. Als ich Drehbücher für die TV-Serie „Großstadtrevier“ schrieb, gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen der Produktionsfirma und der Polizei Hamburg. Stellte sich ein Drehbuchautor beim Schreiben die Frage, wie man eine Handschelle benutzt oder wie oft ein Beamter zum Schießtraining muss, ließ sich das sofort per Anruf klären. Wollte ich wissen, wie ein Streifenpolizist durch die Nacht kommt, durfte ich eine Reeperbahn-Nachtschicht im Polizeiwagen begleiten. Während meiner Mitarbeit an der Krankenhaus-TV-Saga „Alphateam“ beschäftigte die Produktionsfirma eigens einen Arzt, der uns Drehbuchautoren in medizinischen Details beriet.
Doch selbst Autoren-Novizen öffnen sich viele Recherchequellen. Die Polizei unterhält bundesweit Pressestellen, die auch Privatpersonen Rede und Antwort stehen. Auch Wirtschaftsunternehmen betreiben Öffentlichkeitsarbeit. Im Grunde möchte jeder, der etwas produziert oder eine Dienstleistung anbietet, auch darüber reden. Man muss bloß fragen.
Jede Antwort erweitert den Horizont, jede Erfahrung vergrößert den Werkzeugschrank eines Autors. Nicht alles führt zwangsläufig zur Entstehung eines neuen Werks. Vielleicht spielt es erst viel später mal, in ganz anderen Zusammenhängen, eine Rolle. Auf jeden Fall begreift man durch Treffen mit Menschen, denen man ohne Recherche sicher niemals begegnet wäre, viele Dinge, über die man sich sonst vielleicht überhaupt keine Gedanken gemacht hätte.
Zum Beispiel, was eine Pathologin an ihren Job liebt.
Als ich (vor sehr vielen Jahren…) einige wenige Semester Jura studierte, gab es für Interessierte im Rahmen eines Seminars eine Führung durchs Rechtsmedizinische Institut der Uniklinik. Ich war durchaus interessiert, während der Führung durchs Institut dann allerdings eher für eine hier arbeitende Pathologin – sehr jung, sehr hübsch, leider auch sehr verschlossen und unnahbar. Jahre später schrieb ich an einem Spielfilm-Drehbuch, in dem eine Pathologin eine Rolle spielen sollte. Meine Recherche führte mich wieder ins Rechtsmedizinische Institut, und als Gesprächspartnerin vermittelte man mir – ich hatte es natürlich gehofft – die gleiche Mitarbeiterin, die mir damals schon aufgefallen war: etwas älter, sehr hübsch, leider immer noch verschlossen und unnahbar. Okay, auf der Sachebene bekam ich von ihr die Informationen, die ich für meine Arbeit brauchte. Jedenfalls die Allernötigsten. Aber keine Silbe mehr. Und schon gar keine Reaktion auf meine Bemühungen, den Frost zwischen uns wenigstens etwas aufzutauen. Endlich gab ich es auf. Nur eins wollte ich noch wissen:
„Was liebt eine Pathologin an ihrem Job?“
Sie setzte ihre Antwort mit der Schärfe eines Skalpells.
„Meine Patienten halten die Klappe.“
Aus dem Film ist übrigens auch nichts geworden.
Diese Regel stammt aus dem Tatort-Schreibtisch-Buch:
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Autoren live: Tatort-Schreibtisch-Hörbuch der Woche
Tatjana Kruse: "Glitzer, Glamour, Wasserleiche"
Der Bodensee gibt seine Toten nicht mehr her? Denkste! Die voluminöse Opernsängerin Pauline Miller hat in Bregenz Quartier genommen. Und wo Pauly ist, ist das Drama nicht weit...denn so gehört es sich für eine wahre Diva nun mal. Statt Männerkummer wird Pauline diesmal von Hundesorgen geplagt: Ein brutaler Dognapper hat ihren geliebten Radames entführt - ohne Rücksicht auf Verluste und das zarte Nervenkostüm der exzentrischen Pauline. Und genau als der Hund abtaucht, taucht plötzlich eine Wasserleiche auf. Damit singt Pauline nun statt Arien den Blues und hat keinen Sinn für Proben. Zum spektakulären Showdown kommt es denn auch nicht auf der Seebühne, sondern mitten auf dem Bodensee …
Tatjana Kruse, Star-Autorin und Comedy-Liebling der Krimifans, zeigt sich auch als Sprecherin ihres eigenen Buches auf der Höhe ihrer Kunst und präsentiert ein Geschichte voller Drama, Glamour und rabenschwarzem Humor.
»Tatjana Kruse ist der Ladykracher unter den deutschen Krimi-Comedians: scharfsinnig, gut getimed, clever ausgetüftelt und einfach unsagbar komisch.« - FOCUS

Tatjana Kruse, Jahrgangsgewächs aus süddeutscher Hanglage, lebt und meuchelt in Schwäbisch Hall und gehört zu den beliebtesten Krimiautorinnen im deutschsprachigen Raum. Ihre Krimis sind schräg, komisch und immer mit einem Augenzwinkern geschrieben. Tatjana Kruses Bücher wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Marlowe-Preis (1996) und dem Nordfälle-Preis (2005), darüber hinaus gab es Nominierungen für den Agatha-Christie-Preis und den deutschen Frauenkrimipreis.
„Tatort Schreibtisch - Autoren live“ ist eine Hörbuch-Reihe, in der renommierte und beliebte Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre eigenen Bücher vorstellen. Jeden Monat erscheint ein Roman, ungekürzt und wie bei einer Autoren-Lesung vom Autor selbst eingesprochen. Das ist für Fans eine Chance, ihre Lieblingsautoren ganz neu kennenzulernen, und für alle anderen eine gute Gelegenheit, neue und besondere Autoren zu entdecken.
Tatjana Kruse, Star-Autorin und Comedy-Liebling der Krimifans, zeigt sich auch als Sprecherin ihres eigenen Buches auf der Höhe ihrer Kunst und präsentiert ein Geschichte voller Drama, Glamour und rabenschwarzem Humor.
»Tatjana Kruse ist der Ladykracher unter den deutschen Krimi-Comedians: scharfsinnig, gut getimed, clever ausgetüftelt und einfach unsagbar komisch.« - FOCUS

Tatjana Kruse, Jahrgangsgewächs aus süddeutscher Hanglage, lebt und meuchelt in Schwäbisch Hall und gehört zu den beliebtesten Krimiautorinnen im deutschsprachigen Raum. Ihre Krimis sind schräg, komisch und immer mit einem Augenzwinkern geschrieben. Tatjana Kruses Bücher wurde mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Marlowe-Preis (1996) und dem Nordfälle-Preis (2005), darüber hinaus gab es Nominierungen für den Agatha-Christie-Preis und den deutschen Frauenkrimipreis.
„Tatort Schreibtisch - Autoren live“ ist eine Hörbuch-Reihe, in der renommierte und beliebte Schriftstellerinnen und Schriftsteller ihre eigenen Bücher vorstellen. Jeden Monat erscheint ein Roman, ungekürzt und wie bei einer Autoren-Lesung vom Autor selbst eingesprochen. Das ist für Fans eine Chance, ihre Lieblingsautoren ganz neu kennenzulernen, und für alle anderen eine gute Gelegenheit, neue und besondere Autoren zu entdecken.
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Tatort-Schreibtisch-Autor der Woche
Ich kenne Jan Schröter seit vielen Jahren. Das erste Mal sind wir uns im Studio Hamburg begegnet, bei einem Treffen der Drehbuchautoren der Serie "Großstadtrevier". Ich traf auf einen freundlichen Gesprächspartner, zurückhaltend und sehr höflich, das perfekte Klischeebild eines Autoren, der am Schreibtisch mehr Abenteuer erlebt denn im wirklichen Leben.
Wie konnte ich mich nur so täuschen!
Jan Schröters Leben, so durfte ich bald erfahren, ist prall gefüllt mit Geschichten, die für mehrere Winter am Kamin reichen...
Jan Schröter: Sprache muss "gut schmecken"!
Ein Autorenportrait von Markus StromiedelIch kenne Jan Schröter seit vielen Jahren. Das erste Mal sind wir uns im Studio Hamburg begegnet, bei einem Treffen der Drehbuchautoren der Serie "Großstadtrevier". Ich traf auf einen freundlichen Gesprächspartner, zurückhaltend und sehr höflich, das perfekte Klischeebild eines Autoren, der am Schreibtisch mehr Abenteuer erlebt denn im wirklichen Leben.
Wie konnte ich mich nur so täuschen!
Jan Schröters Leben, so durfte ich bald erfahren, ist prall gefüllt mit Geschichten, die für mehrere Winter am Kamin reichen...
Bis
heute frage ich mich, warum dieser Mensch so viel Erstaunliches erlebt hat. Zieht er absurde Abenteuer an? Oder liegt es daran, dass er sich auf Dinge einlässt, die jeder andere vernünftige Mensch nicht tun würde?
Zum Beispiel die Lesereise nach Weißrussland, von der Jan in seinem sehr amüsanten Ratgeber "Goldene Schreibregeln" berichtet. 16 Stunden Zugfahrt plus eine Stunde Grenzkontrolle - alle seriösen Autoren hatten die Einladung nach Belarus ausgeschlagen. Aber nicht Jan. In der ungeheizten Bibliothek von Brest begleitete ein gelehrter Übersetzer die frostklirrende Lesungsveranstaltung, ein "professoraler Sauertopf mit verkniffener Miene", der schon vor Beginn des Abends nach der Katharsis in Jans tragischkomischen Roman "Rettungsringe" fragte. "Ich fand nicht mal die Zeit zum Googeln," schreibt Jan, "schon deckte er mich mit einem Trommelfeuer literaturtheoretischer Thesen ein. Man raunte mir zu, der Mann habe sich als Übersetzer gehobener deutscher Literatur einen Namen gemacht, Spezialgebiet Heinrich Heine. Falls Sie meine Romane noch nicht kennen … also, ich bin stolz darauf, was ich geschrieben habe. Aber es ist nicht Heine, gebe ich zu."
Gehobene Literaturtheorie und Jan Schröters heitere Texte - weiter entfernt, so scheint es, können zwei Pole nicht sein.
Und dennoch hat der russische Übersetzer Jan auf eine wunderbare Weise gelobt: Auch wenn er Unterhaltungsliteratur ablehne, habe ihm das Buch trotzdem gefallen: weil es "gut schmecke und Bilder male".
Und das trifft es genau. Jans Romane "schmecken" einfach hervorragend, es sind sehr sorgfältig gemalte Portraits von Verlierern, die auf die Gewinnerstraße wechseln wollen, von sympathischen Loosern, die nicht aufgeben, obwohl die Welt da draußen nicht nett zu ihnen ist. Jan schreibt Figuren, die man in den Arm nehmen und dann kräftig schütteln möchte, damit sie endlich aufwachen, aber das Schütteln lässt man bald, denn man merkt schnell, dass Jan mit seinen Figuren in seinen Büchern einiges vorhat und sie lernen lässt, und ziemlich oft wandelt sich vieles zum Guten. Es sind Bücher zum Wohlfühlen, sehr komisch und manchmal auch ein bisschen traurig, gerade in dem Maß, dass Tiefe entsteht, wo andere Bücher oberflächlich bleiben und zu glatt, zu beliebig werden.
Der russische Übersetzer hat es genau erfasst: Das Besondere dabei ist Jans präzise Sprache, die vom Autoren elegant und zugleich unprätentiös eingesetzt wird. Jan Schröter hat es nicht nötig, sich zu inszenieren oder größer zu tun, er muss nichts aufblasen, denn er steht zu seiner Arbeit und zu seinem Wunsch, seine Leser und Leserinnen zu unterhalten. Und er wird mit jedem Buch besser: Gerade in seinen jüngeren Romanen kommt Jan immer dichter an seine Figuren heran, ohne seinen Humor zu verlieren. Das ist große Kunst, auch wenn Jan das jetzt abstreiten würde: Er mache doch nur seine Arbeit, er wolle einfach nur unterhalten.
In der Tat: Jan Schröter würde sich selbst niemals als Künstler bezeichnen. Er blickt pragmatisch aufs Leben. Das zeigt auch seine Standardantwort auf die Frage von Zuhörern bei Lesungen, wie er auf seine Ideen komme: "Immer, wenn das Geld alle ist."
Doch wie angefüllt er mit Wissen über das Schreiben und über das Leben ist, sieht man am besten in seinem Buch "Jan Schröters Goldene Schreibregeln", das er übrigens nur mit Widerwillen geschrieben hat. Er finde Schreibratgeber affig, er habe diese "Schlaubergerliteratur", wie er sie nennt, immer schon abgelehnt. Doch als sein Verleger und Freund blieb ich beharrlich, denn ich ahnte, dass Jan etwas zu sagen hat. Herausgekommen ist ein schmaler, prall gefüllter Band mit 22 Schreibregeln, die Anfängern die Augen öffnen und Profis weiterhelfen. Es sind 22 Einblicke in ein über 25 Jahre währendes Autorenleben, unterhaltend, lehrreich und immer wieder sehr konkret und ehrlich, wo sich andere Ratgeber in Motivationssprüchen erschöpfen.
Ach ja, eine Vita hat Jan auch, hier die aus dem Klappentext seiner Romane: "Jan Schröter kennt die Höhen und die Tiefen des Autorendaseins schmerzlich genau. Er arbeitete als Journalist und Kolumnist, schrieb Reiseführer und Kurzgeschichten, massierte die Herzen der Zuschauer mit seinen Drehbüchern für den ZDF-Kultdampfer „Das Traumschiff“ und war jahrelang Stammautor der ARD-Serie „Großstadtrevier“. Bekannt geworden ist er durch seine absurd-komischen Krimis und Romane, in denen er augenzwinkernd und nicht ohne Mitgefühl seine Figuren ins Chaos stürzt."
25 Jahre als Autor in ein paar Zeilen. Was sich dahinter verbirgt, ist pralles Leben, verrückt und sehr turbulent, immer wieder fesselnd und manchmal auch rührend. Sie können es nachlesen: in seinem autobiographischen Roman "Wie mich mein Deutschlehrer fast umbrachte ...", in dem er seinen Weg vom testosteron-gesteuerten Teenager zum erfolgreichen Autor beschreibt. Jan Schröter verrät nicht, was den Tatsachen entspricht und was er für seinen Roman literarisch überhöht hat. Immerhin zitiert er in seiner Schreibregel Nr. 4 Karl May: "Erzähle nicht die Wahrheit, solange dir etwas Interessanteres einfällt."
Also alles nur erfunden? Ich fürchte: nein. Nach allem, was ich von Jan weiß, ist vieles genau so passiert. Er musste sich nichts Interessanteres ausdenken. Sein Leben ist absurd-heiter. Oder besser: Sein Blick auf das Leben ist der eines Menschen, der fest entschlossen ist, sich von den Absurditäten des Alltags nicht unterkriegen zu lassen. Ein halbleeres Glas ist immer halbvoll, und selbst wenn das Halbvolle sich als fingerbreiter Rest entpuppt, muss das reichen, um den Abend zu genießen. Morgen ist ein neuer Tag. Ist das Glas leer, geht es weiter. Augenzwinkernd und kreativ. Nur so lässt sich das Autorendasein mit vollem Genuss ertragen.
Markus Stromiedel ist Autor, Drehbuchautor und Gründer des Kick-Verlages
Jan Schröter ist Tatort-Schreibtisch-Autor und hat die Tatort-Schreibtisch-Bücher "Goldene Schreibregeln" und "Wie mich mein Deutschlehrer fast umbrachte" geschrieben.
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Zum Beispiel die Lesereise nach Weißrussland, von der Jan in seinem sehr amüsanten Ratgeber "Goldene Schreibregeln" berichtet. 16 Stunden Zugfahrt plus eine Stunde Grenzkontrolle - alle seriösen Autoren hatten die Einladung nach Belarus ausgeschlagen. Aber nicht Jan. In der ungeheizten Bibliothek von Brest begleitete ein gelehrter Übersetzer die frostklirrende Lesungsveranstaltung, ein "professoraler Sauertopf mit verkniffener Miene", der schon vor Beginn des Abends nach der Katharsis in Jans tragischkomischen Roman "Rettungsringe" fragte. "Ich fand nicht mal die Zeit zum Googeln," schreibt Jan, "schon deckte er mich mit einem Trommelfeuer literaturtheoretischer Thesen ein. Man raunte mir zu, der Mann habe sich als Übersetzer gehobener deutscher Literatur einen Namen gemacht, Spezialgebiet Heinrich Heine. Falls Sie meine Romane noch nicht kennen … also, ich bin stolz darauf, was ich geschrieben habe. Aber es ist nicht Heine, gebe ich zu."
Gehobene Literaturtheorie und Jan Schröters heitere Texte - weiter entfernt, so scheint es, können zwei Pole nicht sein.
Und dennoch hat der russische Übersetzer Jan auf eine wunderbare Weise gelobt: Auch wenn er Unterhaltungsliteratur ablehne, habe ihm das Buch trotzdem gefallen: weil es "gut schmecke und Bilder male".
Und das trifft es genau. Jans Romane "schmecken" einfach hervorragend, es sind sehr sorgfältig gemalte Portraits von Verlierern, die auf die Gewinnerstraße wechseln wollen, von sympathischen Loosern, die nicht aufgeben, obwohl die Welt da draußen nicht nett zu ihnen ist. Jan schreibt Figuren, die man in den Arm nehmen und dann kräftig schütteln möchte, damit sie endlich aufwachen, aber das Schütteln lässt man bald, denn man merkt schnell, dass Jan mit seinen Figuren in seinen Büchern einiges vorhat und sie lernen lässt, und ziemlich oft wandelt sich vieles zum Guten. Es sind Bücher zum Wohlfühlen, sehr komisch und manchmal auch ein bisschen traurig, gerade in dem Maß, dass Tiefe entsteht, wo andere Bücher oberflächlich bleiben und zu glatt, zu beliebig werden.
Der russische Übersetzer hat es genau erfasst: Das Besondere dabei ist Jans präzise Sprache, die vom Autoren elegant und zugleich unprätentiös eingesetzt wird. Jan Schröter hat es nicht nötig, sich zu inszenieren oder größer zu tun, er muss nichts aufblasen, denn er steht zu seiner Arbeit und zu seinem Wunsch, seine Leser und Leserinnen zu unterhalten. Und er wird mit jedem Buch besser: Gerade in seinen jüngeren Romanen kommt Jan immer dichter an seine Figuren heran, ohne seinen Humor zu verlieren. Das ist große Kunst, auch wenn Jan das jetzt abstreiten würde: Er mache doch nur seine Arbeit, er wolle einfach nur unterhalten.
In der Tat: Jan Schröter würde sich selbst niemals als Künstler bezeichnen. Er blickt pragmatisch aufs Leben. Das zeigt auch seine Standardantwort auf die Frage von Zuhörern bei Lesungen, wie er auf seine Ideen komme: "Immer, wenn das Geld alle ist."
Doch wie angefüllt er mit Wissen über das Schreiben und über das Leben ist, sieht man am besten in seinem Buch "Jan Schröters Goldene Schreibregeln", das er übrigens nur mit Widerwillen geschrieben hat. Er finde Schreibratgeber affig, er habe diese "Schlaubergerliteratur", wie er sie nennt, immer schon abgelehnt. Doch als sein Verleger und Freund blieb ich beharrlich, denn ich ahnte, dass Jan etwas zu sagen hat. Herausgekommen ist ein schmaler, prall gefüllter Band mit 22 Schreibregeln, die Anfängern die Augen öffnen und Profis weiterhelfen. Es sind 22 Einblicke in ein über 25 Jahre währendes Autorenleben, unterhaltend, lehrreich und immer wieder sehr konkret und ehrlich, wo sich andere Ratgeber in Motivationssprüchen erschöpfen.
Ach ja, eine Vita hat Jan auch, hier die aus dem Klappentext seiner Romane: "Jan Schröter kennt die Höhen und die Tiefen des Autorendaseins schmerzlich genau. Er arbeitete als Journalist und Kolumnist, schrieb Reiseführer und Kurzgeschichten, massierte die Herzen der Zuschauer mit seinen Drehbüchern für den ZDF-Kultdampfer „Das Traumschiff“ und war jahrelang Stammautor der ARD-Serie „Großstadtrevier“. Bekannt geworden ist er durch seine absurd-komischen Krimis und Romane, in denen er augenzwinkernd und nicht ohne Mitgefühl seine Figuren ins Chaos stürzt."
25 Jahre als Autor in ein paar Zeilen. Was sich dahinter verbirgt, ist pralles Leben, verrückt und sehr turbulent, immer wieder fesselnd und manchmal auch rührend. Sie können es nachlesen: in seinem autobiographischen Roman "Wie mich mein Deutschlehrer fast umbrachte ...", in dem er seinen Weg vom testosteron-gesteuerten Teenager zum erfolgreichen Autor beschreibt. Jan Schröter verrät nicht, was den Tatsachen entspricht und was er für seinen Roman literarisch überhöht hat. Immerhin zitiert er in seiner Schreibregel Nr. 4 Karl May: "Erzähle nicht die Wahrheit, solange dir etwas Interessanteres einfällt."
Also alles nur erfunden? Ich fürchte: nein. Nach allem, was ich von Jan weiß, ist vieles genau so passiert. Er musste sich nichts Interessanteres ausdenken. Sein Leben ist absurd-heiter. Oder besser: Sein Blick auf das Leben ist der eines Menschen, der fest entschlossen ist, sich von den Absurditäten des Alltags nicht unterkriegen zu lassen. Ein halbleeres Glas ist immer halbvoll, und selbst wenn das Halbvolle sich als fingerbreiter Rest entpuppt, muss das reichen, um den Abend zu genießen. Morgen ist ein neuer Tag. Ist das Glas leer, geht es weiter. Augenzwinkernd und kreativ. Nur so lässt sich das Autorendasein mit vollem Genuss ertragen.
Markus Stromiedel ist Autor, Drehbuchautor und Gründer des Kick-Verlages
Jan Schröter ist Tatort-Schreibtisch-Autor und hat die Tatort-Schreibtisch-Bücher "Goldene Schreibregeln" und "Wie mich mein Deutschlehrer fast umbrachte" geschrieben.
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