Schreibregel der Woche

© Autorenfoto: Hocky Neubert
Nach der ersten Idee gerät eine selbsterfundene Geschichte bald ins Rollen. Man denkt, plant, entwickelt und wähnt sich schon mit dem Projekt am Ziel – bis es plötzlich irgendwo hakt...
Geschichten erfinden ist wie Schach spielen nach eigenen Regeln. Läuft die Partie schlecht, stelle die Figuren anders auf.
von Jan Schröter
© Autorenfoto: Hocky Neubert
Nach der ersten Idee gerät eine selbsterfundene Geschichte bald ins Rollen. Man denkt, plant, entwickelt und wähnt sich schon mit dem Projekt am Ziel – bis es plötzlich irgendwo hakt...
Man entdeckt vielleicht einen Knick in der Logik des Ganzen. Eventuell stimmen die Zeitabläufe nicht. Oder eine Figur kann gar nicht
an einem bestimmten Ort auftauchen, weil Sie sie gerade woanders
brauchen. Das sind Schwierigkeiten, die sich mit etwas „Gefummel“ meist
leicht lösen lassen.
Viel grundsätzlicher ist das Problem, wenn sich das nagende Gefühl einstellt, die ganze Geschichte rutscht ins Banale ab und erweckt keine Emotionen. Das liegt überraschend oft an den Figuren, die diese Geschichte eigentlich tragen sollen. Sollten Sie also Ihr Werk plötzlich blutleer und langweilig finden, nehmen Sie sich nochmal diese Figuren vor. Überprüfen Sie, ob folgende Kriterien klar genug herausgearbeitet sind:– Ziel der Figur. Was will sie erreichen, was treibt sie an?
– Menschentyp. Wie sieht die Figur das Leben und die Welt? – optimistisch, zynisch, religiös bestimmt …
– Haltung. Wie ist die Figur? – tatkräftig, risikofreudig, zögerlich, um Ausgleich bemüht, gewaltbereit …
– Veränderung. In welcher Hinsicht verändert und entwickelt sich die Figur im Handlungsverlauf?
Verpassen Sie Ihren Figuren eine eigene Biographie, indem Sie für jeden Charakter (zumindest für die, die in Ihrer Geschichte bedeutend sind) eine Datei oder Karteikarte anlegen, auf der alles Wichtige zur Person vermerkt ist.
Das können durchaus Dinge sein, die in der eigentlich erzählten Geschichte gar keine unmittelbare Rolle spielen. Alles, was Sie über diese kopfgeborene Person wissen, macht sie vielschichtiger, unverwechselbarer und damit interessanter. Und dann können Sie auch viel lebendiger über sie schreiben.
Wie so eine Figuren-Charakterisierung aussehen könnte, möchte ich anhand eines Beispiels aus meinem eigenen Bestand zeigen.
In meinem Roman „Mogelpackung“ muss ein etwas chaotischer Onkel namens Fredo seinen Neffen Tim und die Nichte Karla im elternverwaisten Haushalt behüten. Bevor ich mit dem Schreiben des Romans begann, bekamen die Hauptfiguren ihre Biographien. Hier ist die des Neffen:
„Tim Fried (14 Jahre)
geht in die 9. Klasse, und es ist ziemlich unklar, ob er es in die 10. schaffen wird. Seine Kindheit ist vorbei, das spürt er – allerdings fehlt ihm fürs ‚danach‘ völlig der Plan. Die tiefe Verunsicherung über diesen Zustand überspielt er mit scheinbar klarer Kante. Oder, falls ihm wirklich kein Spruch einfällt, mit nahezu autistischem Rückzug.
Tim ist rund um die Uhr damit beschäftigt, allen und jedem zu beweisen, dass er niemanden braucht. Vor allem sich selbst will er das beweisen. Tim glaubt, auf diese Weise lässt sich sein Einsamkeitsproblem lösen: Denn wer niemanden braucht und alles mit sich selbst abmacht, hat kein Problem damit, einsam zu sein. Dass dieses Verhalten erst recht einsam macht und somit problemverschärfend wirkt, begreift Tim erst, als es fast zu spät ist.
Aussehen: Tim ist 167 cm groß, er wiegt 50 Kilo. Teenagerübliches Futterverhalten (Junkfood, nächtliche Fressattacken). Brillenträger. Leider nicht so sportlich, wie er gerne wäre. Er wirkt motorisch manchmal leicht unkoordiniert und linkisch, was öfter zu kleineren Peinlichkeiten führt (z.B. wenn er mal ein volles Glas umhaut oder ungeschickt fallen lässt) – das führt dann seine coole Attitüde sofort ad absurdum.
Freunde: Viele hat Tim nicht – er braucht ja niemanden (wie er sich einredet). Eigentlich ist da nur einer: Philip „Fips“ Holtenau (14). Bei Fips scheint die Pubertät nicht einzusetzen, er ist noch völlig in kindlichen Strukturen verhaftet und will vom Leben nur Spiel und Süßigkeiten. Mädchen sind für ihn überhaupt kein Thema, für ein Micky-Maus-Heft ließe er jeden PLAYBOY liegen. Fips ist für Tim ein Relikt aus Grundschulzeiten, irgendwie übrig geblieben, weil Fips eine treue Seele ist und sich von Tims abweisender Coolness nicht beirren lässt.
Tims Haltung zu Fredo: Nach Abreise seiner Eltern wäre Tim lieber alleine geblieben. Er ist überzeugt, wenn seine Eltern zurückkehren, ist es zwischen denen sowieso aus und er ist auf sich allein gestellt. Onkel Fredo, der auf ihn aufpassen soll, ist von Tim unerwünscht. Dass Fredo so viele Probleme hat und das auch zeigt, findet Tim anfangs ziemlich lächerlich. Was für ein Waschlappen, den kann man als Mann nicht für voll nehmen! Gelingt es Fredo doch mal, in Tims Ablehnung eine Bresche zu schlagen, geht bald wieder alles in die Binsen, wenn Fredo sich gezwungen sieht, die Respektsperson zu geben – die er nun mal nicht ist.
Fast zu spät erkennt Tim, dass Fredo ihm wirklich helfen möchte. Und zwar nicht, weil Fredo sich dazu als Onkel und Aufsichtsperson verpflichtet fühlt – sondern weil er Tim tatsächlich versteht. Tim lernt, dass es nicht nur die Aggregatzustände ‚Kind‘ und ‚Erwachsen‘ gibt, sondern eine Menge dazwischen – mit fließenden Übergängen.“
So kann eine Figurencharakterisierung beispielsweise aussehen. Man kann auch Tabellen anlegen oder Beziehungsgeflechte im Diagramm darstellen, jeder macht es, wie es beliebt. Normalerweise bekommt sowieso nur die Autorin oder der Autor selbst diese Arbeitsnotiz zu Gesicht, weshalb sie auch gern aus Stichwörtern oder Piktogrammen bestehen darf. Hauptsache, Sie verfügen für sich über eine Gedächtnisstütze, die Ihnen jederzeit Zugriff auf die Persönlichkeit Ihrer Romanfigur ermöglicht.
Wahrscheinlich fallen Ihnen beim Schreiben der Geschichte weitere Details zur Figur ein. Dann ergänzen oder verändern Sie deren Biographie besser gleich dementsprechend, damit sie aktuell bleibt. Ich bewahre die vorige Fassung trotzdem immer noch auf, damit ich notfalls darauf zurückgreifen kann. Die „Tim“-Biographie oben war die erste von dreien. Im Roman entfiel beispielsweise der hier noch angetextete Freund „Fips“ Holtenau komplett zugunsten eines anderen Charakters, der besser in die Handlung passt.
Denn wenn eine Geschichte nicht gut läuft, hilft es manchmal, Figuren auszutauschen. Oder bestimmte Merkmale: Statt eines Mannes in derselben Rolle eine Frau erzählen – das könnte schon ein geeigneter Dreh sein. Und stellen Sie sich mal einen Miss-Marple-Film vor, in der die Rolle der Miss Marple von einer sportlich-attraktiven Mittzwanzigerin gespielt wird.
Funktioniert nicht so gut?
Also statt der Mittzwanzigerin rasch eine schrullige Alte in die Rolle stecken, schon ist die Sache wieder originell und komisch.
Es ist Ihre Geschichte und damit Ihre Partie. Sie stellen die Figuren auf. Und dürfen Sie formen und verschieben, bis es passt. Im wirklichen Leben ist dies einem nie vergönnt.
Ist Schreiben nicht wunderbar?
Diese Regel stammt aus dem Tatort-Schreibtisch-Buch:
Jan Schröters "Goldene Schreibregeln" - 22 Tipps für Autoren und alle, die es werden wollen

Die Mailadresse lautet
Mehr Infos über das Buch "Goldene Schreibregeln"
E-Book ohne Anmeldung kaufen
Autorenportrait von Jan Schröter
© Autorenfoto: Hocky Neubert
Viel grundsätzlicher ist das Problem, wenn sich das nagende Gefühl einstellt, die ganze Geschichte rutscht ins Banale ab und erweckt keine Emotionen. Das liegt überraschend oft an den Figuren, die diese Geschichte eigentlich tragen sollen. Sollten Sie also Ihr Werk plötzlich blutleer und langweilig finden, nehmen Sie sich nochmal diese Figuren vor. Überprüfen Sie, ob folgende Kriterien klar genug herausgearbeitet sind:– Ziel der Figur. Was will sie erreichen, was treibt sie an?
– Menschentyp. Wie sieht die Figur das Leben und die Welt? – optimistisch, zynisch, religiös bestimmt …
– Haltung. Wie ist die Figur? – tatkräftig, risikofreudig, zögerlich, um Ausgleich bemüht, gewaltbereit …
– Veränderung. In welcher Hinsicht verändert und entwickelt sich die Figur im Handlungsverlauf?
Verpassen Sie Ihren Figuren eine eigene Biographie, indem Sie für jeden Charakter (zumindest für die, die in Ihrer Geschichte bedeutend sind) eine Datei oder Karteikarte anlegen, auf der alles Wichtige zur Person vermerkt ist.
Das können durchaus Dinge sein, die in der eigentlich erzählten Geschichte gar keine unmittelbare Rolle spielen. Alles, was Sie über diese kopfgeborene Person wissen, macht sie vielschichtiger, unverwechselbarer und damit interessanter. Und dann können Sie auch viel lebendiger über sie schreiben.
Wie so eine Figuren-Charakterisierung aussehen könnte, möchte ich anhand eines Beispiels aus meinem eigenen Bestand zeigen.
In meinem Roman „Mogelpackung“ muss ein etwas chaotischer Onkel namens Fredo seinen Neffen Tim und die Nichte Karla im elternverwaisten Haushalt behüten. Bevor ich mit dem Schreiben des Romans begann, bekamen die Hauptfiguren ihre Biographien. Hier ist die des Neffen:
„Tim Fried (14 Jahre)
geht in die 9. Klasse, und es ist ziemlich unklar, ob er es in die 10. schaffen wird. Seine Kindheit ist vorbei, das spürt er – allerdings fehlt ihm fürs ‚danach‘ völlig der Plan. Die tiefe Verunsicherung über diesen Zustand überspielt er mit scheinbar klarer Kante. Oder, falls ihm wirklich kein Spruch einfällt, mit nahezu autistischem Rückzug.
Tim ist rund um die Uhr damit beschäftigt, allen und jedem zu beweisen, dass er niemanden braucht. Vor allem sich selbst will er das beweisen. Tim glaubt, auf diese Weise lässt sich sein Einsamkeitsproblem lösen: Denn wer niemanden braucht und alles mit sich selbst abmacht, hat kein Problem damit, einsam zu sein. Dass dieses Verhalten erst recht einsam macht und somit problemverschärfend wirkt, begreift Tim erst, als es fast zu spät ist.
Aussehen: Tim ist 167 cm groß, er wiegt 50 Kilo. Teenagerübliches Futterverhalten (Junkfood, nächtliche Fressattacken). Brillenträger. Leider nicht so sportlich, wie er gerne wäre. Er wirkt motorisch manchmal leicht unkoordiniert und linkisch, was öfter zu kleineren Peinlichkeiten führt (z.B. wenn er mal ein volles Glas umhaut oder ungeschickt fallen lässt) – das führt dann seine coole Attitüde sofort ad absurdum.
Freunde: Viele hat Tim nicht – er braucht ja niemanden (wie er sich einredet). Eigentlich ist da nur einer: Philip „Fips“ Holtenau (14). Bei Fips scheint die Pubertät nicht einzusetzen, er ist noch völlig in kindlichen Strukturen verhaftet und will vom Leben nur Spiel und Süßigkeiten. Mädchen sind für ihn überhaupt kein Thema, für ein Micky-Maus-Heft ließe er jeden PLAYBOY liegen. Fips ist für Tim ein Relikt aus Grundschulzeiten, irgendwie übrig geblieben, weil Fips eine treue Seele ist und sich von Tims abweisender Coolness nicht beirren lässt.
Tims Haltung zu Fredo: Nach Abreise seiner Eltern wäre Tim lieber alleine geblieben. Er ist überzeugt, wenn seine Eltern zurückkehren, ist es zwischen denen sowieso aus und er ist auf sich allein gestellt. Onkel Fredo, der auf ihn aufpassen soll, ist von Tim unerwünscht. Dass Fredo so viele Probleme hat und das auch zeigt, findet Tim anfangs ziemlich lächerlich. Was für ein Waschlappen, den kann man als Mann nicht für voll nehmen! Gelingt es Fredo doch mal, in Tims Ablehnung eine Bresche zu schlagen, geht bald wieder alles in die Binsen, wenn Fredo sich gezwungen sieht, die Respektsperson zu geben – die er nun mal nicht ist.
Fast zu spät erkennt Tim, dass Fredo ihm wirklich helfen möchte. Und zwar nicht, weil Fredo sich dazu als Onkel und Aufsichtsperson verpflichtet fühlt – sondern weil er Tim tatsächlich versteht. Tim lernt, dass es nicht nur die Aggregatzustände ‚Kind‘ und ‚Erwachsen‘ gibt, sondern eine Menge dazwischen – mit fließenden Übergängen.“
So kann eine Figurencharakterisierung beispielsweise aussehen. Man kann auch Tabellen anlegen oder Beziehungsgeflechte im Diagramm darstellen, jeder macht es, wie es beliebt. Normalerweise bekommt sowieso nur die Autorin oder der Autor selbst diese Arbeitsnotiz zu Gesicht, weshalb sie auch gern aus Stichwörtern oder Piktogrammen bestehen darf. Hauptsache, Sie verfügen für sich über eine Gedächtnisstütze, die Ihnen jederzeit Zugriff auf die Persönlichkeit Ihrer Romanfigur ermöglicht.
Wahrscheinlich fallen Ihnen beim Schreiben der Geschichte weitere Details zur Figur ein. Dann ergänzen oder verändern Sie deren Biographie besser gleich dementsprechend, damit sie aktuell bleibt. Ich bewahre die vorige Fassung trotzdem immer noch auf, damit ich notfalls darauf zurückgreifen kann. Die „Tim“-Biographie oben war die erste von dreien. Im Roman entfiel beispielsweise der hier noch angetextete Freund „Fips“ Holtenau komplett zugunsten eines anderen Charakters, der besser in die Handlung passt.
Denn wenn eine Geschichte nicht gut läuft, hilft es manchmal, Figuren auszutauschen. Oder bestimmte Merkmale: Statt eines Mannes in derselben Rolle eine Frau erzählen – das könnte schon ein geeigneter Dreh sein. Und stellen Sie sich mal einen Miss-Marple-Film vor, in der die Rolle der Miss Marple von einer sportlich-attraktiven Mittzwanzigerin gespielt wird.
Funktioniert nicht so gut?
Also statt der Mittzwanzigerin rasch eine schrullige Alte in die Rolle stecken, schon ist die Sache wieder originell und komisch.
Es ist Ihre Geschichte und damit Ihre Partie. Sie stellen die Figuren auf. Und dürfen Sie formen und verschieben, bis es passt. Im wirklichen Leben ist dies einem nie vergönnt.
Ist Schreiben nicht wunderbar?
Diese Regel stammt aus dem Tatort-Schreibtisch-Buch:
Jan Schröters "Goldene Schreibregeln" - 22 Tipps für Autoren und alle, die es werden wollen

Wenn Sie das Buch bestellen möchten, schicken wir Ihnen das Buch versandkostenfrei zu.
Mailen
Sie uns einfach Ihre Bestellung zusammen mit Ihrer Anschrift und Ihrer
Kontoverbindung (IBAN) zu, wir buchen den Rechnungsbetrag von Ihrem
Konto ab. Alternativ bekommen Sie von uns eine Rechnung, damit Sie uns
den Betrag überweisen können.
E-Book ohne Anmeldung kaufen
Autorenportrait von Jan Schröter
© Autorenfoto: Hocky Neubert
weiterlesen
weniger
